Verzeihen

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Verzeihen heißt nicht vergessen oder etwas zu entschuldigen, verzeihen, bringt den inneren Frieden. Und doch können manche Menschen nicht verzeihen.

Jedes Mal, wenn Jenny zu ihren Tanten auf Besuch kommt, wird ihre Mutter traurig, wenn sie davon erfährt. Immer wieder ziehen dann viele Jahrzehnte an Anita vorbei und wie gerne würde sie die Zeit zurückdrehen, bis zu der Zeit, da sie ihre Tochter zurückließ.

Doch zu damaliger Zeit ging es Anita nicht gut, sie war in ihrer Ehe unglücklich, sie war mit ihrem Leben nicht zufrieden. Sie wohnte mit ihrem Ehemann im Haus ihrer herrschsüchtigen Schwiegermutter, ihr Ehemann stand leider unter dem Einfluss seiner Mutter und konnte sich ihr nicht entziehen.
Anita war nach etwas auf der Suche, „doch nach was?“  das wusste sie selbst nicht. Als sie Schwanger wurde, dachte sie, „nun wird alles gut“ und für die nächsten Monate war es auch so. Die Schwangerschaft verlief gut, alle waren glücklich und freuten sich auf das Baby.
So kam die Zeit und Anita hat ein gesundes Mädchen entbunden, die Welt schien perfekt, sie liebte ihr kleines Mädchen und gab ihr, ihre ganze Liebe.

Doch nach einiger Zeit wurde Anita wieder unglücklich, sie spürte, es musste sich etwas ändern. “So kann und wollte sie nicht weiterleben“. Sie sprach von Trennung und ihre Schwiegermutter sagte zu ihr. „Wenn du gehst, bleibt das Kind bei uns, bei ihrem Vater und bei mir, du weißt nicht wohin und was du willst, du kannst für deine Tochter nicht sorgen.“ Anita war ihrer Schwiegermutter nicht gewachsen und im Grunde hatte sie nicht ganz unrecht. Sie musste sich erst ein neues unabhängiges Leben aufbauen und dann „werde ich mein Mädchen zu mir holen“, dachte sie sich. Ihre Schwiegermutter sagte: „Du kannst Jenny jederzeit besuchen, auch sie kann immer, wenn sie möchte zu dir kommen.

Anita glaubte ihrer Schwiegermutter und so kam der Tag, an dem Anita mit schweren Herzen und unter Tränen das Haus verließ, zurück blieb die kleine Jenny.

Für Anita begann eine sehr wechselhafte Zeit, es gab schlechte und es gab gute Zeiten. Sie litt unter Depressionen und Schuldgefühlen ihrer Tochter gegenüber, doch sie war zu schwach, um dieses Leben zu ändern.

In den nächsten Jahren bekam Anita ihre Tochter nur selten zu sehen, ihre Ex-Schwiegermutter hielt Jenny mit vielen Ausreden von ihr fern. Das Mädchen wuchs in den Glauben auf, ihre Mutter habe sie einfach zurückgelassen. Ihre Oma sprach immer nur schlecht über Anita und so hörte sie nie etwas Gutes über ihre Mutter. Die Jahre vergingen, hin und wieder besuchte Jenny ihre Mutter, meistens wenn es zuhause nicht gut lief und dann sagte sie: „Mama ich möchte bei dir bleiben“ Für Anita war das wie ein wunderschöner Traum, doch wusste sie, dieser Traum werde sich nie erfüllen, dafür würde ihre Ex-Schwiegermutter schon sorgen. Inzwischen war Jenny schon sehr schlau, sie kam zu ihrer Mutter, um sich verwöhnen zu lassen und nachdem sie alles bekommen hatte, war sie wieder fort. Das ging über viele Jahre so und Anita war immer sehr traurig, nachdem Jenny wieder weg war. Jenny sah einiges bei ihrer Mutter und dieses gefiel ihr nicht, sie erzählte es ihrer Oma und diese bestätigte ihr dann jedes Mal wieder, wie unfähig ihre Mutter sei.
Jenny wuchs gut behütet auf, sie erlebte eine unbeschwerte, schöne Kindheit, es fehlte ihr an nichts.

 

Jenny wuchs zu einer zielstrebenden Frau heran, was sie möchte, setzt sie auch durch. Den Kontakt zu ihrer Mutter hat sie komplett abgebrochen, sie möchte nicht mehr über sie sprechen.

 

 

Anita hat inzwischen ihren Platz im Leben gefunden und sie wünscht sich nichts sehnlicher, als mit ihrer Tochter sprechen zu können. Sie möchte es gerne verstehen, warum Jenny so abweisend zu ihr ist. Sie kennt den wahren Grund dafür nicht, immer wieder stellt sie sich die Frage: Warum?

Die Tanten von Jenny versuchen es immer wieder, mit ihr über ihre Mutter zu sprechen. Sie versuchen es ihr zu erklären, sie sagen: „Deine Mutter wollte dir nie etwas Böses, sie wollte dir nie weh tun. Denn im Grunde tat sie sich selbst am meisten weh, sie war noch jung und hatte ihre Probleme, sie war unglücklich und fühlte sich nicht verstanden“. Jenny hört immer zu, sie gab aber nie eine Antwort.
Das ein kleines Mädchen, das nicht verstehen kann, ist verständlich, doch als erwachsene Frau, die selbst auch schon Fehler gemacht hatte?

Jenny hatte auch schon viel erlebt und nicht alles war richtig, auch ihr Leben lief nicht immer rund. Wer lebt schon ohne Fehler und wem wurde nicht schon verziehen? Warum kann oder will Jenny ihrer Mutter nicht verzeihen?

Es muss doch möglich sein, dass Mutter und Tochter miteinander sprechen, für beide wäre es wichtig, dem anderen zuzuhören.
Jenny sagt: „ich will nicht darüber sprechen, ich habe damit abgeschlossen“. Doch wie kann sie mit einer Geschichte abschließen, die sie nicht wirklich kennt!

Tief im Herzen ist Jenny wütend, sie fühlt sich verletzt,“ was hat ihr, ihre Oma für Lügen erzählt“? So viel würde es zu bereden geben, so viele Missverstände gehörten aufgeklärt.
Warum will oder kann Jenny mit ihrer Mutter nicht reden? Weiß sie, überhaupt was sie ihrer Mutter verzeihen soll. Weil sie, sie verlassen hat, weil sie ohne Mutter aufgewachsen ist? Viele Kinder wachsen ohne Mutter auf und natürlich kann eine Oma, keine Mutter ersetzten. Die Türen ihrer Mutter standen Jenny offen, ihre Mutter war nie böse, wäre nie ungerecht zu ihr gewesen.
„Wer die erlittenen Verletzungen wirklich verarbeiten will, muss lernen loszulassen und zu verzeihen“. Es kann auch sein das sich Jenny als Opfer sieht, doch um ihren Seelenfrieden zu finden, muss sie sich von ihrer Wut befreien. Vielleicht möchte sie durch Nichtbeachtung ihre Mutter bestrafen, Rache nehmen?
Nicht verzeihen, kann auch eine Art von selbst Verletzung sein. Oder hat sie vielleicht Schuldgefühle und durch Schweigen glaubt sie, es gibt sie nicht?

Wann immer ihre Tanten sie ansehen, sagen sie hinterher: „Sie hat so viel von ihrer Mutter, die Art wie sie sich bewegt, wie sie spricht, ihr Äußeres, selbst ihre Verletzbarkeit“.
Würde Jenny selbst erfahren, wie es ist eine Mutter zu sein, würde sie das Gefühl, Mutterliebe selbst verspüren. Vielleicht wäre sie dann einsichtiger und würde sich mit ihrer Mutter aussprechen. Doch leider wird sie dieses Gefühl nie kennen lernen, sie wird nie eine Mutter werden.

Anita wird sich ihr ganzes Leben nach ihrer Tochter sehnen und sie wird die Hoffnung nie aufgeben, eines Tages mit Jenny über alles sprechen zu können. Einen kleinen Platz in ihrem Leben zu finden und ein wenig für sie da zu sein.

Wäre das Leben wie ein Buch, könnte man einige Kapitel überspringen und kurz vor dem Happy End wieder weiterlesen (leben), wie unkompliziert wäre so das Leben!

Wenn der Verstand sagt, ich möchte über das Probleme nicht sprechen, ist er ein schlechter Ratgeber. Denn ein Problem, das dich belastet bleibt bestehen, es frisst sich ganz langsam in dein Herz und in deine Seele. Es wird zum Geschwür und vergiftet schleichend deinen Körper. Und wenn es nicht entfernt wird, wirst du irgendwann daran erkranken.

Immer wieder kommt mir dieses Zitat in den Sinn.

Wer unter euch ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein!

Wurde früher so lange mit Steinen auf einen Menschen geworfen, bis dessen Tod eintraf. Kann man es heutzutage, auch mit Worte oder Nichtbeachten machen.

 

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Über die Autorin
Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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