Dein Zimmer

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Nie wollten wir dich in ein Seniorenheim geben, wir hatten alles uns Mögliche versucht, es dir zuhause so angenehm wie möglich zu machen. Doch diese schreckliche Krankheit (Demenz) veränderte unser aller Leben.
Wir haben für dich nette Betreuerinnen ausgesucht, du jedoch wolltest keine davon, du warst unglücklich und hattest Wahnvorstellungen. Wenn dein Geist wieder klar war, versuchten wir dir es zu erklären: „Mama, nur so kannst du in deiner Wohnung bleiben, du kannst nicht mehr allein sein“ Und ja, in diesen klaren Momenten, hast du es auch verstanden und akzeptiert. Doch im nächsten Augenblick war alles wieder vorbei, es war eine so traurige Zeit. Wir überlegten hin und her, was sollen wir machen, was können wir tun. Unsere Mama in ein Seniorenzentrum, nein das können und wollten wir ihr nicht antun. Da sagte unsere Schwester, ich nehme Mama zu mir! Wir fragten unsere Mama, ob sie bei ihrer Tochter wohnen möchte. Sie strahlte und sagte JA, wir waren mit der Lösung so glücklich und waren unserer Schwester so dankbar. Mama konnte es schon nicht mehr erwarten, sie freute sich so darauf. Es mussten nur noch einige Umbauten (Behindertengerecht) bei meiner Schwester gemacht werden. Und so kam der Tag, dass Mama aus ihrer Wohnung auszog, sie drehte sich nicht einmal um, sie verspürte keine Trauer, wir glauben, es war ihr nicht bewusst.
Die erste Woche war harmonisch und es ging alles gut, wie waren wir alle glücklich. Doch plötzlich wollte sie nur weg, sie wurde ungerecht und für unsere Schwester wurde es zum Alptraum.
Unserer Mama ging es immer schlechter uns so kam sie in das Krankenhaus. Es war ein Krankenhaus, dass genau für solche Patienten, wie es unsere Mama war, spezialisiert war. Sie sagten, sie werden unsere Mama mit den richtigen Tabletten einstellen damit sie ruhiger wird. Sie wurde ruhiggestellt, sehr ruhiggestellt! (Heute würden wir vieles anders machen, aber hinterher, ist man immer klüger)
Wir mussten es uns nun eingestehen, Mama kann zuhause nicht mehr betreut werden. Es blieb nur noch das Seniorenzentrum. Doch wo bekommt man auf die Schnelle einen Platz? Das Krankenhaus sagte uns, sie können für unsere Mama nichts mehr machen, sie brauchen den Platz für andere Patienten, sie muss so schnell wie möglich raus.

(Wir hatten Glück?) Wir bekamen in einem großen Seniorenzentrum ein Zimmer für unsere Mama, es hörte sich auch alles sehr gut an. Sie haben sogar eine eigene Demenzabteilung und es würde mit den Heimbewohnern viel gemacht (sagten sie uns).Wir dachten, ja hier wird es unserer Mama gutgehen.

Und so gestalteten wir Mamas Zimmer sehr schön, es wurden all ihre Persönlichen Sachen in das Zimmer gebracht. Sitzbank, Tisch, Sessel, Bilder, Fernseher, Wanduhr, Bettwäsche, Vorhang, Tischdecken, Kaffeegeschirr, Ihr schöner Blumenstock, Blumenvase, sogar ihre Plüschtiere. Wir hatten uns solche Mühe gegeben, wir wollten es ihr so gemütlich wie möglich machen.
Dann kam der Tag, als Mama ihr Zimmer bezog, wir hatten ihr einen schönen Blumenstrauß auf den Tisch gestellt.
Es war wohl einer der traurigsten Tage für uns, wir hatten so geweint, es war so schrecklich für uns. Mama war anteilslos, wieviel sie mitbekam, wir wussten es nicht. Wir sagten zu ihr:

„Mama du wirst keinen Tag allein sein, jeden Tag wird einer deiner Kinder bei dir sein und so war es auch, bis zu ihren letzten Tag.

Natürlich merkten wir es sehr bald, wie es in einem Seniorenzentrum zu geht. Das alles aufzuzählen, wäre eine eigene Geschichte. Natürlich ist die Personalknappheit das größte Problem, doch es gibt Personal, die machen ihre Arbeit nur wegen des Geldes und dann gibt es auch einige, die machen es aus Liebe. Wir hatten in den 4 Monaten so viel mitbekommen, erschreckendes und auch nettes. Vielleicht hatten wir zu große Ansprüchen gestellt, wir wollten doch nur das Beste für unsere Mama. Wir hatten unsere Mama nicht nur besucht, wir waren für sie da, wir haben für ihr Körperliches, Seelisches und Leibliche Wohl gesorgt, wie wir es ihr versprochen hatten.
Dann kahm die Zeit, da konnten ihr niemand mehr helfen, Mamas Leidensweg hatte ein Ende, der liebe Gott, war wohl gnädig.

Es war noch zu früh – sagte mein Herz.
Du fehlst mir so – sagte die Liebe.
Es war an der Zeit – sagte der Verstand.
Du bist immer bei mir – sagte die Seele.
Wir sehe uns wieder – flüstert die Hoffnung.

Und wenn jemand sagt, so ist das Leben, der weiß nicht, wie weh es tut.

Und so ging ich noch ein letztes Mal in dieses Zimmer, all deine persönlichen Gegenstände hatten wir schon weggeräumt, es musste ja alles schnell gehen, den der nächste kranke Mensch wartete schon. An der Wand standen das Bett und einige Schränke, es war ein Raum ohne Seele und viel erlebtes Leid. Wie im Traum ging ich durch das Zimmer, blieb vor dem Bett stehen und ein so starkes Bedürfnis macht sich in mir breit. Ich legte mich auf das Bett und starrte die weiße Wand an. Ich stellte mir vor, wie es dir ergangen ist, was du alles gefühlt hast, an was du gedacht hast und plötzlich musste ich schreien.
All mein Schmerz musste aus mir, es war als würde eine kalte Hand mein Inneres nach außen ziehen. Mir war, als würden die Schreie alles aus meinem Körper lösen. Aber was quälte mich so, war es der Schmerz, die Verzweiflung, die Hilflosigkeit, die Schuldgefühle, was tat so schrecklich weh?

Ich fühlte mich so verlassen, so einsam, so verloren, ich war gefangen in meinem Schrei. All ihre Schmerzen, all ihre Gedanken, ich wollte alles in mir spüren.

In all den Jahren ist der Schmerz leichter geworden, doch es gibt immer wieder Momente, da ist es, als wäre es erst gestern gewesen.

Aus dem schmerzlichen Schrei, wurde ein stummes Schreiben, doch das Ziel ist das gleiche. „Den Schmerz loslassen.“

 

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Über die Autorin
Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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