Vor mir steht ein Glas – meine Seele in ihrer zerbrechlichsten Form. Seit einer Ewigkeit steht es dort, still, wartend und ich sehe ihm zu. Mit jedem Blick scheint es voller zu werden, Tropfen um Tropfen füllt sich Kummer hinein, leise, unaufhaltsam. Ich lasse es geschehen, vielleicht aus Gewohnheit, vielleicht aus Müdigkeit. Ich sage mir, dass ich es aushalte, dass ich stark genug bin und hoffe, es wird kein weiterer Tropfen dazukommen.
Doch dann geschieht es. Ein unscheinbarer Tropfen, nicht anders als die vielen zuvor, fällt hinein – und plötzlich reicht genau dieser eine Tropfen aus. Das Glas läuft über. Alles, was sich gesammelt hat, breitet sich vor mir aus, ungestüm, unkontrollierbar, wie ein inneres Beben, das sich nicht länger zurückhalten lässt.
Ich stehe davor, atme, und frage mich: Soll ich wieder ein neues Glas danebenstellen, ein frisches, leeres und wieder von vorne anfangen?
Oder soll ich diesem Glas endgültig den Rücken kehren, es dort lassen, wo es steht, und weitergehen?





