Der Duft der Linde

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Was ist das?  Woher kommt er?

Ein mir so vertrauter Duft steigt mir in die Nase und lässt mich augenblicklich innehalten. Er ist leicht, zart und süßlich – und in dem Moment, in dem ich ihn wahrnehme, weiß ich: Es ist Sommer.

Da steht er.
Der alte Lindenbaum.

Majestätisch breitet er seine Äste aus, als wolle er den ganzen Platz unter seinem grünen Dach beschützen. Sein Duft liegt in der warmen Luft und scheint mich einzuladen, näher zu kommen.

Unter der Linde steht eine alte Bank. Sie wirkt, als hätte sie schon viele Sommer gesehen. Fast wie von selbst setze ich mich darauf. Kaum habe ich Platz genommen, durchströmt mich ein Gefühl tiefer Ruhe. Geborgenheit legt sich um mich wie eine sanfte Decke.

Es ist, als würde ich in den Armen meiner Mutter liegen – sorglos, sicher und getragen.

Langsam schließe ich die Augen.

Und plötzlich bin ich mitten in einem Traum.

Es ist Sommer, und vor mir breitet sich eine große Wiese aus. In ihrer Mitte steht dieselbe prächtige Linde, deren Duft ich mit jedem Atemzug in mich aufnehme.

Da durchbricht helles Kinderlachen die Stille.

Kinder laufen über die Wiese, tanzen und drehen sich im Schatten des Baumes. Lachend nehmen sie sich an den Händen und versuchen, den mächtigen Stamm der Linde zu umschließen.

Ein Stück entfernt steht ihre Mutter und beobachtet sie mit einem warmen Lächeln. In ihren Augen liegt ein Hauch von Erinnerung. Denn auch sie hat einst hier gespielt und getanzt – unter genau diesem Baum. Und lange vor ihr schon ihre eigene Mutter.

Langsam tritt sie näher an den Stamm heran. Suchend fährt ihr Blick über die raue Rinde.

Dann findet sie, wonach sie gesucht hat.

Ein Herz.

Vor vielen Jahren hat sie es gemeinsam mit ihrem Liebsten in die Rinde geritzt. Ein Zeichen ihrer Liebe und ein Versprechen für die Zukunft.

Die Zeit ist vergangen. Der Baum ist gewachsen, und mit ihm auch das Herz. Es liegt nun ein wenig höher, größer als damals – doch die Initialen sind noch immer deutlich zu erkennen:

L & A

Sanft legt sie ihre Hand darauf und verliert sich für einen Moment in ihren Gedanken.

„Was hatten wir damals für Träume“, murmelt sie leise.
„Und was ist aus ihnen geworden?“

Doch in ihrem Blick liegt Zufriedenheit.

Sie ruft die Kinder zu sich.

„Kommt her“, sagt sie lächelnd. „Zu Ehren dieser schönen Linde wollen wir ein Lied singen. Es ist ein altes Lied von Wilhelm Müller. Auch eure Großmutter und ihre Mutter standen schon hier und haben es gesungen. Heute gebe ich es an euch weiter.“

Die Kinder stellen sich unter den Baum und beginnen zu singen. Ihre Stimmen klingen hell und klar.

*„Am Brunnen vor dem Tore,
da steht ein Lindenbaum.
Ich träumt in seinem Schatten
so manchen süßen Traum.

Ich schnitt in seine Rinde
so manches liebe Wort,
es zog in Freud und Leide
zu ihm mich immer fort…“*

Es ist ein stilles, berührendes Bild.

Während die letzten Töne verklingen, erzählt die Mutter den Kindern von der Bedeutung der Linde.

„Die Linde“, sagt sie, „steht seit alten Zeiten für Freundschaft, Gerechtigkeit, Liebe und Glück. Früher wurde sie sogar der Fruchtbarkeitsgöttin Freya zugeordnet. In der Traumdeutung gilt sie als Baum der Heilung und als Kraftplatz.“

Sie lächelt.

„Wenn man all ihre Bedeutungen aufzählen wollte, würde man lange erzählen.“

Dann hat sie eine Idee.

„Wir machen uns Haarkränze aus Lindenblättern und Blüten.“

Begeistert klatschen die Kinder in die Hände. Sie steigen auf die Bank und pflücken vorsichtig die herzförmigen Blätter. Blatt für Blatt wird zusammengefügt, und zwischen das Grün stecken sie die duftenden Blüten.

Bald tragen sie ihre Kränze stolz auf dem Kopf – wie kleine Kronen.

Lachend und voller Freude machen sie sich auf den Heimweg.

Der Duft der Linde begleitet sie, und die Kränze werden noch lange ihre Zimmer schmücken.

Plötzlich höre ich das Zwitschern der Vögel.

Langsam öffne ich die Augen.

Die Wiese ist verschwunden.
Die Kinder sind fort.
Nur die Linde steht noch da.

Verwundert sehe ich mich um und frage mich:

War es nur ein Traum?

Doch eines weiß ich ganz sicher.

Heute werde ich nach Hause gehen mit einem Kranz aus Lindenblättern und Blüten. Und wenn ich ihn trage, werde ich mich fühlen wie eine Königin.

Du wunderschöner Duft der Linde –
in dich habe ich mich für immer verliebt.

Du bringst mich zum Träumen und schenkst mir Geborgenheit. Wenn ich dich einatme, ist für mich Sommer. Dann wird das Leben leicht, und alles scheint heller.

Ach, du süßer Lindenduft.

Wie gern würde ich dich einfangen und für immer behalten.

Doch nein.
Du sollst etwas Besonderes bleiben.

Und so werde ich warten –
Jahr für Jahr –
bis du wiederkommst.

 

 

 

Über die Autorin
Bild von Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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