Die alte Dame im Park

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Es gibt Orte an denen fühlt man sich sofort wohl, es ist als wäre man schon immer hier gewesen. Und so ein Ort ist dieser Park, hier finde ich Ruhe und Gelassenheit, hier kann ich Probleme lösen, hier kann ich träumen. Geschützt unter großen Bäumen stehen einige Bänke und ein wunderschöner kleiner Teich mit Seerosen macht diesen Park perfekt.
Schon öfter sah ich diese alte Dame auf einer dieser Bank sitzen. Jedes Mal, wenn ich sie sehe, denke ich mir, gerne möchte ich mit ihr sprechen. Gerne würde ich ihre Geschichten des Lebens hören, sie könnte mir sicher viel erzählen, das sagt mir ihr Gesicht. Ich bin fasziniert von ihrer Ausstrahlung, sie zieht mich magisch an. Ich habe sie schon weinen, lachen oder nur lächeln gesehen. Und manchmal ist so tief in ihren Gedanken versunken, es ist, als würde nur ihr Körper anwesend sein.

Heute werde ich diese netten Damen ansprechen und ihrer Geschichte lauschen. Zügig gehe ich auf sie zu und als ich vor ihr stand, sagte sie lächelnd zu mir: „Schön, dass sie zu mir gekommen sind meine Liebe, ich habe schon auf sie gewartet. Ich erzähle ihnen ein wenig von meinem Leben, ich spüre bei ihnen wird meine Geschichte lebendig.“ Ich war überrascht und fasziniert, sofort spürte ich eine tiefe Verbundenheit. Also setzte ich mich neben sie und sie begann ihre Lebensgeschichte zu erzählen.

Mein Mann und ich wohnten mit unserem Sohn in einem kleinen Häuschen, wir lebten bescheiden und waren sehr glücklich. Dann wurde der zweite Weltkrieg ausgerufen, mein Mann musste in den Krieg ziehen, für das Vaterland. Kurze Zeit später bekam mein Sohn die Einberufung, ich sehe ihn noch ganz deutlich vor mir. Mein Vater sagte zu mir: “Warum nehmen sie das Kind und nicht mich!“
Mein Sohn hielt lachend den Brief in der Hand und zeigte ihn mir voller Stolz, als er sah das ich Tränen in den Augen hatte, sagte er zu mir. „Mama, sei doch nicht traurig, ich komme ja wieder und dann bin ich ein Held“. Ja ein Held ist er geworden, so wie ca. 1,2 Millionen Tote, sie alle starben für ihr Vaterland.
Er war doch noch ein (mein) Kind, kannte noch nicht das Leben, er hatte doch noch alles vor sich. Doch nun zog er in den Krieg, musste kämpfen und sein Leben riskieren, für das Vaterland!

Mein Mann wurde verletzt und so bekam er “Heimaturlaub“, wir genossen diese Tage und sprachen viel über unseren Sohn. Wie es ihm wohl ergehen möge und ob er wieder gesund nachhause kommen würde. Mein Mann machte mir Mut und wir träumten von einer friedlichen Zukunft. Keiner von uns wusste, dass wir uns nie wieder sehen würden, ich sah meinen Mann zum letzten Mal, es war ein Abschied für immer. Alles was mir von meinem Mann blieb, war ein Geschenk unserer Liebe, ein Kind wuchs in mir.

Kurze Zeit darauf erfuhr ich vom Tode meines Sohnes, kaum hatte ich diese Nachricht begriffen, erhielt ich eine weitere, mein Mann sei gefallen, für das Vaterland. Und wäre das nicht schon schlimm genug, wurde auch unser Häuschen bombardiert.
Ich hatte meinen Mann, meinen Sohn und nun auch mein Zuhause verloren, wie ich das alles schaffte, ich weiß es heute nicht mehr. Doch ich wusste, in mir wächst ein Kind und das gab mir Kraft, dafür musste ich stark sein. Mein Kind wurde geboren in Armut und ohne Zuhause, der Krieg hatte mir alles genommen, meinen Mann, mein Kind, mein Zuhause. Ich war verzweifelt und hatte Angst vor der Zukunft, was soll aus mir und meinem Mädchen werden.
Doch ich musste nun stark sein, für mich und mein Kind. Ich durfte keine Arbeit scheuen, ich musste nehmen was ich bekam. Mit dem Kind am Rücken arbeitete ich am Feld, dafür bekam ich essen und wir hatten ein Bett und ein Dach über den Kopf.
Ich hatte keine Zeit zum Grübeln, oder mich zu bedauern, dass kam mir nie in den Sinn, dafür hatte ich keine Zeit.

„Ich und mein Kind haben überlebt, mein Kind war alles was mir noch blieb von meinem Mann und dafür bin ich dankbar“

Diese Frau erzählte ohne Pause, so realistisch, so tapfer, als ob es erst gestern gewesen wäre. Oft wischte ich mir eine Träne weg und umarmte diese mir fremde Frau.

Nun bin ich alt, doch es geht mir gut sprach sie, ich habe eine liebende Tochter, einen Schwiegersohn und zwei wunderbare Enkelkinder. Ich liebe sie, wie sie mich, ich habe ein schönes Zuhause, genug zu essen und wir leben in Frieden.

Doch an so manchen Tagen, sitze ich hier auf dieser Bank und dann gehen meine Gedanken weit zurück in die Vergangenheit.
Ich stell mir dann vor, es gibt irgendwo ein Grab für meinen Sohn und meinem Mann und ich hoffe, sie wurden mit Würde begraben, denn sie starben, für ihr Vaterland. Und immer wieder sehe ich dann das kindliche Gesicht meines Sohnes vor mir, es war voller Erwartungen, Neugier und Abenteuerlust. Immer wieder stell ich mir die Frage, was er wohl alles gesehen und erlebt hat: „Hunger, Leid, Schmerz und den Tod, wie oft hat er wohl nach mir gerufen“ Denke auch an meinem Mann, kann seine Gedanken in mir spüren. Wie oft wird er an seinen Sohn gedacht haben, wusste nicht wo er kämpfte und ob er noch lebte. Er dachte wohl voller Sehnsucht an mich und er wusste nicht, dass ein Kindlein in mir heranwuchs. “Und alles für das Vaterland, für einen sinnlosen Krieg“.
In diesem Moment ist diese alte Dame um viele Jahre gealtert, ich nahm sie in meine Arme und wir weinten beide.
Nach einiger Zeit sagte sie zu mir, weißt du (inzwischen sind wir zum du übergegangen): Wenn ich sehe, wie es den Menschen jetzt gut geht, aber trotzdem haben sie immer noch zu wenig und sind mit allem unzufrieden. Ehrlich gesagt, dass kann ich nicht verstehen, warum können sie nicht schätzen was sie haben. Ja sag ich, dass ist der Wohlstand und wer noch nie etwas verloren hat, immer alles gehabt hat, der weiß nicht was Entbehrung und Verlust bedeutet.

An diesem Tag begleitete ich diese bemerkenswerte Dame nachhause, ihre Tochter machte sich schon Sorgen um sie. Ich entschuldigte mich und sagte zu ihr, „Wir hatten die Zeit vollkommen übersehen, aber ihre Mutter ist ein so toller Mensch.“  Und ich bin dankbar dafür, dass ich sie kennen lernen durfte. Die Tochter nahm ihre Mutter liebevoll in den Arm und sagte: „Ja, ich weiß“.

Natürlich gehe ich noch oft in den Park, setzte mich dann auf die Bank, auf der ich eine so großartige Dame kennen lernen durfte.

Ihre Tochter erzählte mir, (wir treffe uns nun hin und wieder im Park) als ihre Mutter spürte, dass ihr Lebensweg nun zu Ende geht, sagte sie zu ihr: „Weißt du auf was ich mich nun freue. Ich werde nun zu deinem Vater und deinem Bruder gehen und ich werde ihnen von euch erzählen. Mein Leben war hart, ich habe gekämpft und entbehrt, nicht für das Vaterland, ich habe gekämpft für uns und ich habe meinen Kampf gewonnen.

 

„Ich bin dankbar für das was ich hatte, was ich hätte haben können, dem trauere ich nicht nach. Denn was ich hätte haben können, das weiß ich nicht. Doch was ich hatte, war wunderbar“

 

 

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Über die Autorin
Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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