Der lange Abschied

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Meine liebe Freundin, wie es dir geht kann ich nur erahnen, dass ich es weiß, wage ich nicht zu sagen.

Doch nun ist die Zeit gekommen, vor der du dich schon lange gefürchtet hast, der Abschied hat nun begonnen. Es ging nun doch zu schnell, niemand hat an das gedacht, doch das Leben ist unerbittlich und nun fordert es deine Kraft.

Nicht zum ersten Mal musst du nun stark sein, das Schicksal schlug schon einmal mit voller Wucht in dein Leben. Deine Tochter musstest du vor Jahren begraben und somit auch ein Stück von dir.

Nun sitzt du am Bett deines Mannes und hältst zärtlich seine Hand, wagst nicht daran zu denken, dass es heut vielleicht zum letzten Mal war.
Du bist stark, willst ihm deine Tränen nicht zeigen, doch ein Blick in seine Augen und du weißt, er weiß wie es dir geht. Er war so viele Jahre tapfer, ertrug mit so viel Geduld sein Leid. Einen Schlaganfall hatte er überstanden, doch der Rollstuhl war ab nun sein Begleiter und sprechen konnte er nicht mehr.
Ab nun warst du seine Lebensstütze, warst immer für ihn da. Er hat es dir immer gedankt, er weiß, was er an dir hat. Ihr zwei seid ein gutes Team, ihr versteht euch auch ohne Worte. Dein Mann ist freundlich, lustig und nett, er ist auch dein Tröster, auf seine Art, er gibt sein Bestes.
Du möchtest ihn nicht gehen lassen, denn trotz seiner Behinderung gab er dir viel Kraft. In so manch traurigen Zeiten war er dein Halt, dein Zuhörer, du warst nicht allein.
So sitzt du nun an seinem Bett und denkst über die Zukunft nach: „Wie wird es werden ohne meinen Mann, nun muss ich meine Wege allein gehen. Am Abend kann ich niemandem meine Erlebnisse des Tages erzählen, es hört mir keiner mehr zu. Auch wenn er mir nicht antworten konnte, aber er war da und ich wusste, er versteht mich. Wer hält nun zum Einschlafen meine Hand?“

Du hast eine Familie und gute Freunde, sie sind auch für dich da, doch all dies, ist kein Ersatz für deinen Mann.

Sie alle meinen es gut mit dir, geben dir Ratschläge, natürlich wollen sie dir damit nur helfen. Jedoch in diesem Moment ist es für dich manchmal zu viel.
Du möchtest oft nur deine Ruhe, die Augen schließen und weit weg sein.(Könnte man doch nur davonlaufen). Doch die Realität holt dich schnell wieder zurück.
Es läutet dein Handy und du erschrickst sofort, es ist dein Mann, er gibt dir zu verstehe. „Ich will nachhaus“ Es zerreißt dir das Herz, du sprichst mit dem Arzt, denn zu gerne möchtest du für ihn das Beste tun. Der Arzt sagt dir mit klaren Worten: „In diesem Zustand, in dem sich ihr Mann befindet, ist es nicht zu verantworten“ Der Arzt bietet dir an, du kannst auch über Nacht bei deinem Mann auf der Palliativstation bleiben.
Du nimmst das Angebot sehr gerne an und sofort spürst du, wie dein Mann beruhigt ist, er spricht nicht mehr von nachhause gehen. Denn du bist bei ihm und somit ist er zuhause.

Es ist ein besonderer Abend, ihr unterhaltet euch über Themen, die noch nie besprochen wurden. Dein Mann spricht (soweit er das kann) über die Zukunft und wie es sein wird, wenn er nicht mehr bei dir ist. Diese Nacht ist für euch beide sehr wichtig, deine Entscheidung war richtig.
Immer, wenn du in das Krankenhaus gehst, begleitet dich dieses schreckliche Gefühl, der Gang bis zu seinem Zimmer kommt dir unendlich lange vor. Bevor du die Türklinke drückst, atmest du noch einmal tief durch, setzt ein Lächeln auf und gehst auf ihn zu. Du setzt dich an sein Bett und bist dankbar dafür, dankbar das du ihn noch berühren kannst, dankbar für jedes Lächeln, das er dir noch schenkt.

Du bist hin und her gerissen von Gefühlen, willst das er gehen kann, du möchtest nicht, dass er so leiden muss. Und doch willst du, dass er dich nicht allein lässt.
Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du zu ihm sagen:

Ein wenig beneide ich dich, denn du wirst bald unsere Tochter sehen. Sag ihr dann wie sehr sie mir fehlt, wie sehr ich sie vermisse. Dann umarme sie und gib ihr einen Kuss von mir.

Bei diesen Gedanken musst du doch lächeln, du stellst es dir wunderschön vor. Jedes Mal, wenn du dann nachhause gehst, geht eine große Trauer und die Einsamkeit mit dir. Du fragst dich, habe ich ihm alles gesagt, weiß er wie sehr ich ihn liebe? Wie wird es morgen sein, wenn ich sein Zimmer betrete, werde ich noch seine warme Haut spüren? Werden sich unsere Blicke noch treffen?

Du bist nicht ganz allein in deinem Schmerz, dein Sohn begleitet dich, er geht mit dir diesen schweren Weg. Gemeinsam begleitet ihr den Ehemann (Vater), ihr gebt ihm die Kraft die er braucht für seinen letzten schweren Weg, ihr gebt ihm alles, was er nun braucht.

Die Tage wechseln sich ab, es gibt bessere und es gibt Tage, an denen du mit schweren Herzen deinen Mann verlässt. Doch täglich sind Hoffnung, Verzweiflung, Hilflosigkeit und Angst deine Begleiter, sie verfolgen dich bis in den Schlaf.

Wie jeden Tag, verlässt du deinen Mann mit dem Gedanken

Was wird morgen sein?????

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Über die Autorin
Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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