Nach einer unruhigen Nacht erwachte Emi müde und ausgelaugt. Noch während sie im Bett lag, begann sie bereits damit, ihren Tag zu planen. Was alles zu erledigen war, welche Termine anstanden, welche Aufgaben auf sie warteten – innerhalb weniger Minuten war ihr gesamter Tag verplant.
Noch bevor ihre Füße den Boden berührt hatten, fühlte sie sich von all den Vorhaben bereits erschöpft.
Plötzlich hielt sie inne.
Was mache ich eigentlich? Warum? Für wen? Wofür tue ich mir das alles an?
Zum ersten Mal seit langer Zeit erlaubte sie sich den Gedanken: Wie wäre es, einfach liegen zu bleiben? Einen einzigen Tag nur für mich zu haben? Also legte Emi sich zurück, schloss die Augen – und schlief sofort wieder ein.
Als sie einige Zeit später aufwachte, blickte sie überrascht auf die Uhr. „Was? Ich habe zwei Stunden geschlafen?“
Sie griff nach ihrem Handy und sah auf das Display. Zahlreiche Anrufe waren eingegangen. Nachrichten, verpasste Anrufe – offenbar hatte sie niemand erreichen können.
Na und?, dachte sie.
Heute würde sie sich nicht darum kümmern. Bevor sie das Handy ausschaltete, schrieb sie noch eine kurze Nachricht an ihre Firma: „Bitte heute keine weiteren Anrufe. Ich bin nicht erreichbar. Es geht mir gut.“
Dann schaltete sie das Handy aus. Emi lächelte. Zum ersten Mal seit langer Zeit war sie stolz auf sich.
Dabei musste sie an Dr. Schneider denken. Erst vor wenigen Wochen hatte er zu ihr gesagt: „Emi, wenn Sie so weitermachen, werden Sie Ihre Pensionierung nicht genießen können.“
Damals hatte sie seine Worte beiseitegeschoben. Heute klangen sie plötzlich ganz anders.
Sie wusch sich nur kurz das Gesicht, bürstete ihr Haar und ging in die Küche. Vor dem Kühlschrank blieb sie stehen. Viel war nicht darin.
Also tat sie etwas, das sie bisher noch nie gemacht hatte: Sie bestellte sich ein Frühstück in dem kleinen Café, das sich im Erdgeschoss ihres Hauses befand und für sein reichhaltiges Frühstück bekannt war.
Wenig später saß Emi ohne Handy in der Hand an einem Tisch. Sie blickte aus dem Fenster, nahm sich Zeit und ließ sich ihr Frühstück schmecken.
Es fühlte sich ungewohnt an. Und gleichzeitig wunderbar.
Danach schlenderte sie ins Wohnzimmer und betrachtete ihre Bücher. Einige davon hatte sie gekauft, weil sie bei jeder Neuerscheinung dachte: Das werde ich irgendwann lesen.
Heute nahm sie sich endlich eines davon.
Doch dann fiel ihr Blick auf ein anderes Buch. Es war ein Geschenk ihrer Mutter.
Der Titel lautete: „Und wo bleibt mein Leben?“
Emi schlug die erste Seite auf. Dort standen die Worte, die ihre Mutter vor vielen Jahren hineingeschrieben hatte:
„Wenn du dieses Buch in deinen Händen hältst und darin liest, beginnt dein Leben.
Deine Mama.“
Emi lächelte. Tränen standen in ihren Augen. Leise flüsterte sie: „Ja, Mama. Das mache ich.“
Mit dem Buch in der Hand ging sie zurück ins Schlafzimmer und legte sich wieder ins Bett. Sie begann zu lesen. Immer wieder hielt sie inne, legte das Buch auf ihren Schoß und blickte gedankenverloren aus dem Fenster.
Die Geschichte der Frau in dem Buch kam ihr erschreckend bekannt vor. Das ist doch mein Leben, dachte Emi immer wieder.
Die Frau in der Geschichte lebte in Luxus. Sie konnte sich alles kaufen, was sie wollte. Sie reiste in die schönsten Hotels, gönnte sich Wellnessurlaube und musste sich um Geld keine Sorgen machen.
Und doch besaß sie etwas nicht: ein eigenes Leben.
Sie funktionierte für ihre Firma. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Sie hatte keine Freundinnen, mit denen sie lachen und unbeschwerte Stunden verbringen konnte. Keine Familie, die auf sie wartete. Nicht einmal einen Hund. Für all das hatte sie keine Zeit.
Emi legte das Buch zur Seite. Plötzlich musste sie an ihre Mutter denken.
Wie oft hatte sie gesagt: „Emi, komm doch einmal zu mir. Lass dich verwöhnen. Wir könnten einen schönen Tag miteinander verbringen.“
Und wie oft hatte Emi geantwortet: „Ja, Mama. Das mache ich. Aber nicht jetzt. Ich habe leider keine Zeit.“
Jetzt war es zu spät. Ihre Mutter war vor einigen Jahren gestorben. Und Emi war nicht bei ihr gewesen.
Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie weinte um ihre Mutter, aber auch um all die gemeinsamen Momente, die sie niemals zurückholen konnte. Nach einer Weile wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Ich kann die Vergangenheit nicht mehr ändern“, sagte sie leise. „Aber ich kann meine Zukunft verändern.“
Sie wusste, dass ihr noch Zeit blieb. In drei Jahren würde sie in Pension gehen.
Und diese Jahre wollte sie nicht damit verbringen, allein zu sein und nur auf den nächsten Arbeitstag zu warten. Sie begann darüber nachzudenken, wie sie ihre Zukunft gestalten wollte. Sie wollte reisen – zu all den Orten, deren Besuch sie immer wieder verschoben hatte. Sie wollte Verwandte besuchen. Menschen kennenlernen. Freundschaften schließen. Sie wollte lachen, genießen und einfach Zeit haben. Zeit für sich.
Am nächsten Morgen ging Emi wieder in die Firma.
Kaum hatte sie ihren Schreibtisch erreicht, wurde sie von allen Seiten mit Fragen und Problemen bombardiert. Auf ihrem Computer warteten seitenweise E-Mails.
Für einen kurzen Moment wollte sie wie gewohnt sofort alles erledigen. Doch dann sah sie ihre Mutter vor sich. Ihr trauriger Blick. Das leichte Kopfschütteln.
Emi atmete tief durch. Dann setzte sie sich mit einem Lächeln an ihren Schreibtisch.
Diesmal würde sie nicht alles selbst erledigen. Sie würde Verantwortung abgeben.
Sie begann zu organisieren und setzte für den Nachmittag ein Meeting an. Anschließend nahm sie sich die Personalakten vor und las sie sorgfältig durch.
Eine Mitarbeiterin fiel ihr besonders auf: Anna. Eine junge, zielstrebige Frau. Engagiert, zuverlässig und kompetent. Emi wusste sofort: Anna würde diese Aufgabe hervorragend übernehmen.
Sie suchte noch zwei weitere Mitarbeiter aus, denen sie vertraute. Gemeinsam würden sie die Firma professionell weiterführen können.
Bevor das Meeting begann, führte Emi mit jedem der drei ein ausführliches Gespräch. Sie erklärte ihnen ihre Vorstellungen, sprach über die Verantwortung und fragte, ob sie noch Bedenkzeit benötigten. Doch alle drei waren von dem Angebot begeistert.
„Wir freuen uns sehr“, sagten sie. „Und wir werden die Arbeit in Ihrem Sinne weiterführen.“ Drei Wochen später hatte Emi die Leitung vollständig an die drei übergeben. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich nicht leer, sondern frei.
Als sie an diesem Nachmittag die Firma verließ, war sie beinahe übermütig vor Freude. Sie ging nicht nach Hause. Sie ging in den Stadtpark. Dort suchte sie sich eine Bank am See, setzte sich hin und beobachtete die Enten auf dem Wasser.
Keine Eile. Keine Termine. Keine Anrufe. Keine E-Mails.
Nur sie selbst, der See und dieser wunderbare Augenblick. Lange saß Emi dort. Zufrieden und voller Stolz. Sie hatte ihr Leben nicht zurückbekommen. Aber sie hatte begonnen, es neu zu gestalten.
Und plötzlich wusste sie: Ihr neues Leben konnte wunderbar werden. Emi lächelte und blickte auf das ruhige Wasser.
Dann sagte sie leise: „Mama, wenn du jetzt neben mir wärst, wäre das Leben perfekt.“





