Heiligabend – Erinnerungen eines Kindes

Jetzt teilen
Facebook
Twitter
Email
WhatsApp

 

Heiligabend – das Fest des Friedens, der Liebe und der Freude. Für mich als Kind war es der Abend, an dem die Welt stillstand und alles nur schön war.

Wir waren sechs Kinder, und unsere Mutter hatte unendlich viel zu tun. Sie wollte für uns Kinder einen schönen besinnlichen Weihnachtsabend zaubern, und wie jedes Jahr gelang, es ihr, diesen Abend in einen Zauber zu verwandeln. Ich höre noch heute das helle Läuten des Glöckchens – das Zeichen, dass das Christkind gekommen war. Zaghaft, fast scheu, betraten wir das Zimmer, und sofort erfasste uns der Zauber des Augenblicks. Wir standen vor dem Christbaum, und unsere Augen funkelten in diesem Moment genauso wie die Lichter des Baumes, wie waren einfach nur glücklich.

Vor uns erstrahlte der Christbaum. Kerzen verbreiteten ein warmes Licht, Sternspritzer funkelten wie kleine Sterne, und unter dem Baum lagen Päckchen. Ich wusste nicht, wie Mutter es schaffte, für jedes Kind ein Geschenk zu besorgen, doch in diesem Augenblick war nur die Freude wichtig.

Dann stimmte Vater ein Lied an. Seine Stimme war kräftig und schön, und wir Kinder sangen mit. In diesem Moment fühlte ich mich geborgen – sechs Kinder, Mutter und Vater, vereint vor dem Weihnachtsbaum. Es war das Gefühl, zu Hause zu sein, zu wissen, wohin man gehört.

Das Auspacken der Geschenke war der Höhepunkt. Raschelndes Papier, flatternde Bänder, und überall Rufe: „Schau, was mir das Christkind gebracht hat!“ Für uns war es das Christkind, doch in Wahrheit war es Mutter, die uns mit ihrer Liebe beschenkte.

Später gab es gutes Essen, und wir durften noch lange aufbleiben. Heimlich stibitzten wir die ersten Windringe vom Baum – ich spüre ihre Süße noch heute auf der Zunge. Müde und glücklich gingen wir schließlich mit unseren Geschenken zu Bett. Noch heute habe ich den Duft der Haare meiner Puppe in der Nase, die ich damals bekam.

Die Mutter aber blieb noch im Zimmer, setzte sich und genoss die Stille. In diesem Moment durchflutete sie ein wunderschönes Glücksgefühl. Ich weiß: In diesem Augenblick war auch sie glücklich. Danach räumte sie die Küche auf und ordnete das Zimmer, bevor sie das Licht löschte.

Aus unserem Kinderzimmer hörte die Mutter noch lange ein leises Flüstern und kicherndes Lachen, bevor auch dort schließlich Stille einkehrte.

Heiligabend ist ein Abend, an dem die Familie im Mittelpunkt steht. Wer sie hat, erfährt Geborgenheit und Freude. Und wer keine Familie hat, spürt an diesem Abend die Einsamkeit tiefer als an jedem anderen.

 

 

 

Über die Autorin
Bild von Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
Facebook
Twitter
Email
WhatsApp

Schreibe einen Kommentar

Ähnliche Geschichten

Karesansui – der Weg zur inneren Ruhe

  Als mich meine Reise nach Japan führte, beobachtete ich Mönche in ihren Karesansui-Gärten – trockenen Landschaftsgärten, die aus Sand, Steinen und Stille bestehen. Mit

Wann bist du für dich da?

  Ich hatte noch ein wenig Zeit bis zu meinem nächsten Termin. Und so ging ich in den nahegelegenen Stadtpark und wollte auf einer Bank

Morgen wird es besser

Morgen wird es besser.“ Ein Satz, so klein, dass er fast zerbrechlich wirkt. Und doch klammert man sich an ihn, wenn die Nacht schwer auf

Schreib mir was Nettes

Du hast Fragen oder möchtest mir gerne etwas mitteilen? Feedback, Anregungen?

Willkommen bei den kleinen Geschichten!

Hier findet ihr Texte, Gedichte und kleine Weisheiten aus dem alltäglichen Leben. Geschichten die das Leben schreibt.

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest.

Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken
.

Eure Liselotte