Es war doch erst gestern

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Gedankenverloren stehe ich an diesem trüben Vormittag am Fenster und blicke in den Garten. Mein Blick fällt auf das kleine Gartenhaus. „Ja, du könntest viele schöne Geschichten erzählen“, denke ich mit Wehmut. Vor vielen, vielen Jahren, als die Kinder noch klein waren, machte sich Hans, mein Mann, an die Arbeit. Er holte sich Holz, Werkzeug und sagte: „Ich werde für unsere Kinder ein kleines Häuschen bauen.“ Tagelang schnitt und hämmerte er, die Kinder liefen herum und reichten ihm Nägel und Hammer. „Papa, Papa, wann ist unser Haus endlich fertig?“, riefen sie voller Ungeduld. Sie waren so aufgeregt, dass sie am Abend nicht einschlafen konnten und am Morgen als erstes im Garten waren.

Und dann kam endlich dieser heiß ersehnte Tag. Hans und ich nahmen die Kinder an den Händen und führten sie mit verbundenen Augen in den Garten. Es gab sogar einen Schlüssel für das kleine Häuschen. Hans gab den Kindern den Schlüssel, und gemeinsam schlossen sie die kleine Tür zu ihrem Häuschen auf. Mit offenen Mündern standen sie in der Tür und betraten voller Ehrfurcht und Stolz ihr Häuschen. Hans hatte auch einen Tisch und Stühle in das Haus gestellt, und ich nähte Vorhänge an die Fenster und für den Tisch eine schöne Tischdecke. Es gab Kuchen und Kakao, die Kinder hatten noch einen netten Blumenstrauß gepflückt und den wir dann auf den Tisch stellten. Als die Kinder durch die Tür schritten, klatschten sie in ihre Händchen und fielen ihrem Papa um den Hals. So saßen wir vier an dem kleinen Tisch, mit den kleinen Stühlen, für uns Eltern war die Einrichtung natürlich viel zu klein. Die Kinder und wir lachten bis uns die Tränen kamen, der Anblick musste herrlich gewesen sein.

Es war wohl der beste Kakao und Kuchen, den wir in diesem Häuschen je getrunken und gegessen hatten.

Die Kinder erlebten wunderschöne Momente in ihrem Häuschen; sie wollten es nicht mehr verlassen. All ihre Freunde durften auch hin und wieder hier schlafen, und bis spät in die Nacht hörte man sie erzählen und lachen. An so manchen lauen Sommerabenden wurde ein Lagerfeuer gemacht; da gab es Kartoffeln und eine Wurst am Spieß. Es gab nichts, das besser schmeckte. Noch nach Jahren, als sie sich beim Hineingehen schon bücken mussten, gingen sie noch gerne hinein, erzählten sich dann von früher und wie schön ihre Kindheit doch war. Wenn sie Probleme hatten und allein sein wollten, waren sie in ihrem Häuschen zu finden. Und als Susi den ersten Liebeskummer beweinte, war sie tagelang nicht herausgekommen.

Susi erzählte mir einmal ganz aufgeregt: „Mama, ich habe gesehen, wie Peter ein Mädchen mit in das Häuschen genommen hat, und als ich heimlich durch das Fenster sah, sah ich, dass er ihr einen Kuss gab.“ Sie hielt sich die Hand vor dem Mund und lachte verschmitzt. „Susi, man beobachtet niemanden heimlich, das gehört sich nicht“, sagte ich ihr. „Aber Mama, Peter macht es bei mir doch auch.“ „Naja, dann macht es euch untereinander aus“, sagte ich, und es gab auch nie deswegen Probleme. Vor kurzem hatte Hans das Häuschen renoviert, denn inzwischen kommen auch die Kinder von Susi und Peter zu uns. Und auch sie sind sehr gerne in diesem Häuschen; es gefällt ihnen genauso gut wie früher Susi und Peter.

Vor kurzem erzählten wir unseren Kindern, dass wir manchmal in das Häuschen gehen und uns an die vielen schönen Zeiten erinnern. Und wenn wir wieder herausgehen, halten wir uns den Rücken und müssen lachen. „Ja, ja“, sagt dann Hans, „wir werden halt auch nicht jünger.“ Susi und Peter lachten und sagten: „Mama, Papa, ihr habt uns eine so schöne Kindheit beschert, dafür können wir euch nicht genug danken. Wir hoffen, auch unseren Kindern eine so schöne Kindheit zu geben.“ Mein Mann sah mich an und nahm mich in die Arme. Er sagte zu mir: „Mit so einer Frau an meiner Seite war es ein Leichtes, euch eine so schöne Kindheit zu bereiten.“ „Es müssen die richtigen Menschen zusammenfinden, und dann wird alles gut“, sagte ich und gab meinem Mann einen zärtlichen Kuss.

Im Hintergrund spielten und lachten unsere Enkelkinder, wie früher Susi und Peter. Wie doch die Zeit vergeht, dabei war es doch erst gestern.

 

 

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Über die Autorin
Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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