Es war einer jener Sommertage, an denen die Hitze tagelang schwer und drückend in der Luft gelegen hatte. Nun fiel endlich der erste Regen. Sanft tanzten die Tropfen gegen das Fenster und erfüllten den Raum mit einem beruhigenden Rhythmus, der mich wohlig umhüllte.
Ja, dachte ich, heute ist der richtige Tag, um in der Bibliothek meiner Tante Anni nach einem guten Buch zu suchen. Sie war die Schwester meiner Mutter und eine leidenschaftliche Leserin. Bei jeder Gelegenheit nahm sie mich als Kind bei der Hand und sagte mit einem liebevollen Lächeln:
„Komm, ich lese dir eine schöne Geschichte vor.“
Dann setzte ich mich in den großen Ohrensessel neben dem Fenster und lauschte gebannt ihren Erzählungen.
Ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind diesen Raum betreten hatte: ein Menge Bücher füllte die Regale und wenn ich die Tür öffnete, empfing mich ein Duft, den ich damals nicht benennen konnte. Ein eigenartiger, warmer Geruch, der sich wie ein unsichtbarer Mantel um mich legte.
Heute weiß ich, warum es hier so riecht. Es sind die Düfte der Gedanken, der Geschichten, der Rätsel und der vielen Erinnerungen, die sich zwischen den Seiten verstecken und in diesem Raum weiterleben.
Meine Tante sammelte Bücher mit großer Leidenschaft. Kein Thema schien ihr fremd zu sein.
Ich verbrachte meine Ferien liebend gern bei ihr, denn jeder Tag mit ihr war spannend. Sie hatte auf jede meiner Fragen eine Antwort und schaffte es, selbst die einfachsten Dinge wie kleine Wunder erscheinen zu lassen.
Tante Anni war nie verheiratet und hatte keine Kinder. Als sie nach einem langen und erfüllten Leben verstarb, hinterließ sie mir ihr kleines Häuschen mit allem, was sich darin befand. So wurde auch dieser wunderbare Raum voller Geschichten und Erinnerungen zu meinem Eigentum.
Noch heute setze ich mich oft einfach nur in den alten Ohrensessel, lasse meinen Blick über die Bücherregale wandern und versinke in Erinnerungen. Dann ist mir, als würde der vertraute Duft meiner Tante durch den Raum ziehen und ihre Stimme leise sagen:
„Komm, ich erzähle dir eine Geschichte.“
In solchen Momenten fühlt es sich an, als wäre all das erst gestern gewesen.
Inzwischen habe ich selber zwei Kinder. Auch sie lieben es bereits, wenn ich mit ihnen diesen Raum betrete und frage:
„Welches Buch lesen wir heute?“
Doch der heutige Tag gehörte nur mir – mir und meinen Erinnerungen. Langsam ließ ich meine Hände über die Rücken der Bücher gleiten, und mit jedem Band, den ich berührte, wurde mir wärmer ums Herz. Obwohl ich nun schon seit einigen Jahren in diesem Haus lebte, entdeckte ich immer wieder Bücher, die mir bislang verborgen geblieben waren.
Doch was ich an diesem Nachmittag fand, fühlte sich an wie ein kleiner Schatz. Hoch oben im obersten Regal lagen einige schmale Bücher mit abgegriffenen Einbänden. Vorsichtig nahm ich eines heraus und hielt es beinahe ehrfürchtig in den Händen. Es war mit einem schmalen Lederband verschnürt.
Mit leicht zitternden Fingern löste ich das Band und öffnete das Buch. Auf der ersten Seite stand in feiner Handschrift:
„Jeder Tag war es wert, gelebt zu haben.“
Sofort erkannte ich die Schrift meiner Tante Anni.
Einen Moment lang zögerte ich. Sollte – oder durfte – ich dieses Tagebuch wirklich lesen? Nachdenklich legte ich es zurück. Doch der Gedanke daran ließ mich nicht mehr los. Immer wieder wanderte mein Blick zu dem kleinen Buch hinauf.
Und heute weiß ich: Ich darf es lesen. Meine Tante hätte gewollt, dass ihre Gedanken weiterleben. Vielleicht hätte sie sich sogar darüber gefreut.
Nun saß ich mit ihrem Tagebuch in meinem geliebten Ohrensessel. Meine Katze lag schnurrend neben mir und schien die besondere Stimmung dieses Raumes ebenso zu genießen wie ich.
Seite um Seite versank ich in den Erinnerungen meiner Tante – in vergilbten Blättern voller lebendiger Geschichten und sanfter Gedanken. Mit jedem Satz wurde die Welt um mich herum leiser, und in der Stille des Lesens fand ich jene tiefe Harmonie, die nur geschriebene Worte schenken können.
Meine Tante schrieb mit einer solchen Wärme und Lebendigkeit, dass ich meinte, ihre Stimme beim Lesen hören zu können. Ich erfuhr vieles über meine Mutter, darüber, wie sie als junge Frau gewesen war und wie innig die Verbindung zwischen den beiden Schwestern gewesen sein musste. Sie hatten eine unbeschwerte Jugend erlebt, Geheimnisse geteilt und gemeinsam gelacht. Einige dieser kleinen Geheimnisse kannte nun auch ich.
Als ich schließlich wieder aufsah, war es bereits später Nachmittag. Durch das Fenster fiel das warme Licht des Abendrots und tauchte die Bibliothek in einen goldenen Schimmer.
„Morgen wird wieder ein schöner Tag“, dachte ich lächelnd. „Das verspricht mir das Abendrot.“
Und während ich das Tagebuch behutsam schloss, wusste ich bereits, dass ich bald wieder in diesen Raum zurückkehren würde – zurück in die vergangene Welt meiner Tante Anni, die in ihren Worten weiterlebte.





