Die Hütte am Teich

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Viele Jahre sind vergangen, als ich das letzte Mal hier saß und trotzdem ist mir alles so vertraut. Mir ist als war es erst gestern, als ich hier meinen ersten Kuss bekam. Ja, hier auf dieser Bank vor der Hütte, hat mir ein fescher Bursche ewige Liebe geschworen. Ich hatte ihm geglaubt, er war der erste Mann, der mir die Liebe leerte. Natürlich kam alles ganz anders, wir waren doch noch so jung. Es folgten Tränen und das Herz schmerzte so sehr. Meine Mama sagte zu mir: “Das wird alles wieder gut, du wirst einen anderen Mann treffen und dich neu verlieben.“ Natürlich glaubte ich ihr nicht, mein Herz war gebrochen und wie sollte es jemals wieder heilen?
Und es heilte wieder, ich lernte einen wunderbaren Mann kennen, mit ihm teile ich bis jetzt mein Leben, in guten, sowie in schlechten Tagen.

An diesem Ort rauchte ich mit meinen Freundinnen die erste Zigarette. Wir fühlten uns so erwachsen, wir lachten und schauten uns um, ob uns ja niemand sah.
Später dann, kamen wir an so manch trüben Tag hierher, machten uns ein Feuer in dem kleinen Ofen, genossen eine gute Tasse Tee und ließen uns den Kuchen von Mama schmecken. Wir erzählten uns alles Mögliche und lachten über unsere Geschichten, oder wir lauschten nur dem Knacksen im Ofen und waren glücklich. Wir verstanden uns auch ohne Worte, wir waren Freundinnen fürs Leben geworden.

Am Morgen, wenn noch alle schliefen, lief ich oft heimlich hierher und sprang nackt in den klaren Teich. Zu hören war nur das Gezwitscher der Vögel, ansonsten war es ganz still. Durch meine Bewegungen wurde die klare Oberfläche des Teichs von großen Kreisen unterbrochen. Mit klapperten Zähnen und gut gelaunt schwamm ich dann wieder an das Ufer. Trocknete ich mich gut ab und lief schnell nachhause, denn ich wusste, Mama wartete schon mit einem guten Frühstück auf mich. Wie liebte ich damals das Leben, die Zeit war so unbekümmert und leicht.
Nun muss ich an den Winter denken, als ich meine ersten Schlittschuhe bekam. Jeden Tag ging ich zum Teich und prüfte, ob die Eisschicht schon dick genug war. Ich konnte es nicht erwarten, endlich auf dem Eis dahin zu gleiten. Natürlich war es nicht so leicht, eine meiner Freundinnen konnte schon eislaufen und sie lernte es mir. Mit blauen Flecken, doch überglücklich lernte ich das Eislaufen.
So vergingen die nächsten Jahre und viel ist in dieser Zeit geschehen, ich lernte das Lebe kennen, mit all seinen Seiten. Wenn ich glücklich oder traurig war, zog es mich an diesen Ort, hier fand ich Ruhe und Frieden, hier fand ich oft Antworten auf meine Fragen.

Die Hütte am Teich, wie oft habe ich an sie gedacht, wie oft wollte ich auf der Bank sitzen um nur ausruhen.
Hier erlebte ich die schönsten Sonnenuntergänge, wie herrlich war es, wenn die Sonne im Teich versank und die Grillen zirpten.
Wie haben wir Kinder es genossen, wenn Mama den Picknickkorb mit lauter guten Dingen packte, Papa alles für ein Lagerfeuer vorbereitete. Lachend und singend liefen wir dann zu unserer Hütte und in der Wiese wurde eine Decke ausgebreitet. Nachdem wir gegessen hatten, lagen wir auf den Rücken und sahen den Wolken nach, ich fragte dann, wohin ziehen die Wolken? Mama lachte und antwortete, die Wolken sind mit lauter guten Wünschen gefüllt und diese werden an liebe Menschen geschickt. Noch heute, wenn ich eine dicke schöne Wolke sehe, frag ich mich, wem bringst du deine Wünsche?

Mit meinem Kind im Arm stand ich hier und zeigte ihm diesen schönen Ort. Und flüsterte ihm zärtlich in sein Ohr. Hier wirst du schwimmen und eislaufen lernen, auch deinen ersten Fisch wirst du aus diesem Teich angeln.
In den letzten Jahren meiner Mama, saß wir oft hier, sie erzählte mir vom Leben, von ihren Träumen und was daraus wurde. Heute sitze ich hier und es geht mir, wie damals meiner Mama. Ich lächle und sehe gedankenverloren in den Teich, ach Mama sage ich laut: „Wie schön wäre es, wärst du jetzt bei mir.“

Viele Geheimnisse habe ich diesen Ort anvertraut, dieser Ort war meine Mama, meine Freundin, mein Beichtvater und mein Vertrauter.
So viel ist in den vergangenen Jahren geschehen, die Unbeschwertheit ist verloren gegangen, das Leben hat oft mit aller Wucht zugeschlagen. Meine Eltern und zwei meiner Geschwister haben diese Welt bereits verlassen, ein Schmerz, ein Verlust, der mit den Jahren leichter wurde. Doch immer wieder, gibt es Zeiten, an denen es mir mein Herz zerreißt. Eine Freundin musste ihre Tochter begraben, wohl das schlimmste, das einer Mutter passieren kann. Zwei sind schon Witwen geworden und gehen nun allein ihren Weg. Natürlich sind Freundinnen für sie da, doch wem erzählen sie am Abend ihre Erlebnisse, wer nimmt sie zärtlich in den Arm?
All die Jahre haben wir gemeinsam verbracht, manchmal war der Abstand etwas grösser, doch dann waren wir wieder sehr eng miteinander verbunden.
So sitze ich hier und viele Bilder tauchen vor mir auf, ich sehe meine Eltern, meine Geschwister, die Hochzeiten meiner Freundinnen, das Heranwachsen unserer Kinder. Es waren viele schöne Jahre gewesen und ich will dankbar dafür sein.

Meine Hütte am Teich, auch an dir ist die Zeit nicht spurlos vorüber gegangen, auch du bist schon etwas angeschlagen. Dein Dach wurde erneuert, ein Fenster wurde ausgetauscht, nachdem Jugendliche einen Stein hineinwarfen.

Doch deinen Charm hast du nicht verloren, denn dein Herz und deine Seele sind dir erhalten geblieben.

 

Ich habe dich zu jeder Jahreszeit erlebt und ich könnte nicht sagen, wann es am schönsten war.

 

Zärtlich streich ich über die Bank vor der Hütte, was könnte sie alles erzählen, denke ich mir und schmunzle wie ein junges Mädchen.
Was ist das, was glitzert unter diesem grünen Busch? So stehe ich auf und bücke mich danach, erstaunt, amüsiert und berührt, halte ich diesen Schlüssel in meiner Hand. Das ist doch der Reserveschlüssel von meiner Hütte, ich wusste es nicht mehr, hier lag er all die Jahre und wartete auf mich. Mit dem Schlüssel in der Hand, gehe ich zur Hütte, sperre fast andächtig die Tür auf. Berührt nehme ich den Duft in mir auf und all die Erinnerungen bekommen Bilder. Ich sehe ein Mädchen, sie ist glücklich, sie singt, sie lacht und sie weint, sie verändert sich. Ich sehe eine Frau, eine Mutter, Schwester, eine Freundin, ich sehe, sie ist mit ihrem Leben zufrieden.

Eines Tages, werde ich mit meinem Kind auf diese Bank vor der Hütte sitzen und von meinen Erinnerungen erzählen.

Ja denke ich mir, zu lange sollte ich damit nicht mehr warten, den wie auf diesem Bild, zieht auch bald der Nebel des Herbstes über mich.
Ach was solls, denke ich mir, der nächste Frühling kommt doch wieder.

 

 

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Über die Autorin
Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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