Der Schlüsselbund

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Wie so oft, wenn Uschi in ihren Gedanken versunken war, zog es sie zu ihrem „verwunschenen Garten“, so nannte sie dieses verlassene Häuschen inmitten eines naturbelassenen Garten.

Sie wusste nicht wem es gehörte, doch kam sie schon einige Jahre hierher, schnell und leise schlüpfte sie dann durch die wilden Hecken. Und sobald sie in ihrem verwunschenen Garten war, fühlte sie sich zuhause, es war für sie jedes Mal ein nachhause kommen.
Unter einer Laube stand eine alte Holzbank, der Lack war schon abgebröckelt, doch dadurch hatte sie ihren besonderen Charm erhalten. Hier war sie vor dem Regen geschützt und gerne hörte sie den Regentropfen zu, wenn diese auf das Blätterdach klopften.
Es war ihr egal welches Wetter gerade war, wann immer sie das Bedürfnis überkam, besuchte sie ihren „verwunschenen Garten“. Sie liebte es mit einem Buch hier zu sitzen und nur das Gezwitscher der Vögel zu hören. Oft übersah sie komplett die Zeit und war dann überrascht, dass es schon dunkel geworden war. Jede Jahreszeit übte einen besonderen Reiz auf Uschi aus, egal ob Frühling, Sommer, Herbst oder Winter.

Wenn sich die zarten Schneeglöckchen, wie ein weißer Teppich über den Schnee ausbreitete, dann wusste Uschi, der Frühling ist nicht mehr weit. Manchmal fühlte sie sich übermütig wie ein Kind, dann baute sie einen Schneemann, setzte ihm eine Nase mitten in das Gesicht. Zwei Augen dürften auch nicht fehlen und für den Hut, nahm sie einen alten Blumentopf. Mit gefrorenen Fingern schlüpfte sie dann wieder durch die wilde Hecke, drehte sich jedoch noch einmal um und schenkt dem Schneemann ein zufriedenes Lächeln.
Den ersten Blumenstrauß im Jahr, pflückte sich Uschi immer in ihrem verwunschenen Garten. Es blühten immer noch Tulpen, Narzissen und Ranunkel, diese hatten wohl die ehemaligen Besitzer noch gepflanzt. Immer wenn sich Uschi etwas aus (ihrem) Garten mitnahm, hat sie kein schlechtes Gewissen, sie hatte das Gefühl „das steht mir zu“. Sonnenhungrig genoss sie die zarten Sonnenstrahlen und sah den Bienen zu, wie sie vom Nektar der Blüten naschten. Die rosa Blüten des Kirschbaumes, spannten sich wie ein duftiger Baldachin über Uschis Lockenkopf.
Der große Nussbaum, der seine dicken Äste von sich streckte, brachte Uschi auf eine Idee.

„Ich werde mir eine Schaukel auf diesem dicken Ast montieren und dann hoch in den Himmel fliegen und wieder zurück“

bei diesen Gedanken musste sie lachen und konnte es schon nicht mehr erwarten bis sie auf der Schaukel saß.
In so mancher schöner Sternennacht, lag sie auf dieser weichen Wiese, ohne Decke, ohne Kissen, nur auf dieser warmen Wiese. Oft war es ihr, als hörte sie Kinderstimmen, die flüstern und dann wieder hinter verhaltener Hand lachten. Manchmal hatte sie das Gefühl, als würde jemand über ihr Gesicht streichen und zärtlich ihren Namen nennen. Doch immer wieder schob sie diese Empfindungen zu Seite, obwohl sie immer ein Glücksgefühl dabei empfand. Verträumt und seltsam berührt, lag sie schon in so mancher Vollmondnacht am Rücken und dachte über dieses Haus hier nach. Gerne hätte sie gewusst, wer hier gewohnt hat, waren sie glücklich, gab es Kinder?
Wenn die Tage kühler und kürzer wurden, das Laub der Bäume und Sträucher sich in ein Flammenmeer verwandelten, wurde Uschi immer etwas traurig. „Schon wieder neigt sich der Sommer dem Ende zu“ dachte sie voller Melancholie. „Ach was, der Herbst ist doch auch wunderschön“, schelte sie sich sogleich. Nie ist dieser verwunschene Garten bunter als im Herbst, nie das Licht so kräftig wie jetzt.

Uschi saß auf ihrer Bank und blickte sich verträumt um, sie dachte sich „hoffentlich kann ich noch lange in diesen Garten kommen.“ So saß sie noch einige Zeit, tief im Gedanken versunken und plötzlich sah sie etwas unter der wilden Hecke liegen. Neugierig ging sie zu diesem Strauch und hob es auf, was sie hier fand versetzte sie in Staunen und eine Neugier macht sich in ihr breit. „So oft saß ich schon hier und noch nie war es mir aufgefallen, warum gerade heute, warum gerade jetzt?“
Mit einem Ring voller Schlüssel stand sie nun hier,“ wem gehörten diese Schlüssel, wo passten sie?“ Sie sah zu dem hübschen Haus im Garten und überlegte, “soll ich es probieren ob sie passen?“

Aufgeregt und mit ein wenig Angst ging sie zum Haus, steckte einen der Schlüssel in die Tür und er passte. Knarrend öffnete sich die Tür und mit Herzklopfen betat sie das alte Haus. Es war kühl und dunkel, die Luft roch nach Staub, doch es roch nicht modrig. Sie hatte fast das Gefühl, als würde ein guter Duft aus der Küche kommen. Sie ging zu einem Fenster, schob die Vorhänge zur Seite und öffnete das Fenster. Im hellen Sonnenlicht tanzten die Staubflocken wie Sternenstaub im Zimmer herum, es war, als würden sie sich ihrer Freiheit freuen. Mit Ehrfurcht und voller Erwartung sah sie sich um und ein seltsames, vertrautes Gefühl machet sich in ihr breit. Sie betrat einen gemütlichen Raum und es war ihr, als wäre soeben, jemand nur kurz außer Haus gegangen, wäre da nicht diese feine Staubschicht überall. Ein großer Tisch mit einer schönen bunten Tischdecke und 8 Stühlen stand mitten im Zimmer, eine Blumenvase mit frischen Blumen stand darauf. Uschi war es, als spüre sie noch die Anwesenheit der Menschen, die in diesem Haus wohnten. Die Küche war sauber, Schüsseln, Teller, Besteck und Gläser standen einladend auf dem Tisch.
Zärtlich strich Uschi über die Möbel und der Staub fing zu tanzen an, „gerne würde ich mit diesen Menschen hier am Tisch sitzen und ihren Geschichten lauschen.“
„Jetzt ist es schon egal“, dachte sie und so ging sie weiter, sie wollte doch noch wissen wo die anderen Schlüssel passten und was sich hinter jeder der Türen befand.
Sie nahm einen weiteren Schlüssel und öffnete die nächste Tür, wieder spürte sie ihr Herz unruhig klopfen. Wieder zog sie die Vorhänge zur Seite, öffnete das Fenster und eine kühle Luft erfüllte den Raum.

Dies war wohl das Schlafzimmer der Eltern, auch hier sah es aus als hätte erst heute Morgen jemand das Bett gemacht. Uschi wurde von der hübschen Kommode stark angezogen, es standen einige Foto darauf und jedes Foto kam ihr so vertraut vor. Auch ein wunderschöner Flakon stand darauf, zaghaft nahm sie ihn in die Hand und sprühte sich ein wenig von dem Inhalt auf ihre Bluse. „Woher kenne ich diesen Duft?“ sagte sie ganz leise zu sich. Je länger sie in diesem Haus war, umso vertrauter wurde ihr alles.
Nun gab es kein zurück mehr, sie griff nach dem nächsten Schlüssel und ging die Treppe in den ersten Stock hinauf. Die Holztreppe knarrte bei jedem Schritt und sie hatte das Gefühl, als würde ihr jemand folgen. Oben angekommen, drückte sie auf den Lichtschalter, ach war sie erstaunt, als ein zarter Schimmer den Gang erhellte. Sie dachte sich nur, „warum ist der Strom nicht abgeschaltet?“
Zielstrebig ging sie auf einer der Türen zu und sperrte sie auf, drei Kinderbettchen standen in diesem Zimmer. Die Bettchen waren mit bunter Bettwäsche bezogen, auf einem der Betten saß ein kleiner brauner Teddybär. Am Boden lag eine Puppe mit Schlafaugen und blondem Haar, daneben eine Bürste und Spangen. (Ein Kind wollte der Puppe wohl eine schöne Frisur machen?) Wie selbstverständlich, griff sie nach den roten Hausschuhen die verstreut am Boden lagen und stellte sie unter das Bett. Langsam ließ sie sich auf das Bett unter dem Fenster nieder und ließ ihren Blick durch das Zimmer gleiten. „Es ist doch eigenartig“ denkt sie sich „warum fühle ich mich hier so wohl?“
Einen Schlüssel hatte sie noch, „los jetzt, nur noch ein Zimmer“ sagte sie sich. Vor dieser Tür blieb sie etwas länger stehen und zögerte ein wenig „los, sei nicht so feig“ hörte sie eine Stimme flüstern. Je länger sie in diesem Haus war, umso mehr spürte sie, „ bin ich nicht alleine!“. Nun öffnete sie die letzte Tür und es war ihr, als würde sie von der Schule nachhause kommen. In diesem Zimmer waren nochmal 3 Betten, diese waren jedoch etwas größer. Wie selbstverständlich ging sie auf das Bett mit der blauen Bettwäsche zu, sie roch an dem Polster und ja: „Sie war zuhause“ Nun war alles so realistisch, sie erkannte alles in diesem Zimmer, ihr Schreibtisch, Ihre Schultasche stand noch offen am Boden. Und ja, sie wusste nun auch, dieses Zimmer musste sie sich mit ihrem älteren Bruder und ihrer Schwester teilen.

Oh wie schön, das Schaukelpferdchen von Rosi stand auch noch hier, “ kann es sein, dass es sich gerade bewegt hat?“

fragte sie sich verwundert.
Fast übermütig ging sie wieder in den unteren Stock, als sie an der Küche vorbeikam, bot sich ihr ein wunderschönes Bild. Ihre Eltern und ihre Geschwister saßen am Tisch, es wurde erzählt und gelacht, plötzlich hörte sie ihre Mutter rufen: „Uschi wo bleibst du nur, die Suppe wird doch kalt.“

Nun wusste sie es, sie hat es doch schon immer gefühlt, hier gehörte sie hin, hier war ihr Zuhause. Doch was war mit Uschi geschehen, wo war sie all die Jahre, oder waren es gar keine Jahre, hatte sie nur geträumt? Die Schlüssel hatten nicht nur die Türen im Haus geöffnet, ein Schlüssel öffnete auch die Tür zu ihrer Erinnerung.

Doch etwas Geheimnisvolles geht in diesem Garten noch immer vor sich, denn wann immer jemand durch die Büsche schaut, oder sich sogar hinein traut. Ist er hinterher wie verzaubert, dieser Mensch fühlt sich zufriedener, glücklicher und er geht mit einem geheimnisvollem Lächeln durch das Leben.

 

 

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Über die Autorin
Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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