Das Archiv der Lebensgeschichten

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Wenn ein Mensch diese Welt verlässt, hinterlässt er seine Geschichte in einem Buch. Bei seiner Geburt oder sogar schon viel früher, wurde der Titel bereits geschrieben. Es gibt einige, die sich ein wenig gleichen, manchmal meint man auch, das ist eine Wiederholung. Jedoch bei genauerem Betrachten sieht man, keine Geschichte gleicht der anderen. Jeder Mensch, beschriftet die leeren Seiten seines Buches selbst. Er bestimmt die Absätze, die Leerzeichen, die Fragezeichen und Rufzeichen nur das Ende, kann er meist nicht selbst bestimmen.
So gibt es traurige, spannende, kriminelle, bösartige, lustige und die unauffälligen Geschichten. Es gibt auch einige, die fangen immer wieder von vorne an und schließen kein Kapitel ab. So gibt es aber auch Bücher, in denen sind nur sehr wenige Seiten beschrieben, das sind dann sehr traurige Geschichten.

Jeder Mensch, der diese Welt verlässt, hinterlässt einen oder mehreren Menschen, die ihn geliebt haben, seine Lebensgeschichte. Für die Hinterbliebenen ist dieser Mensch nicht mehr greifbar, ansprechbar und hörbar, er ist für immer und ewig fort.

So viel wurde nicht ausgesprochen, so viele Fragen bleiben unbeantwortet. Auch gibt es einige, die konnten sich nicht verabschieden, sind im Streit auseinander gegangen. Oder sie haben Jahre lang nicht miteinander gesprochen und plötzlich erscheint der Grund völlig unwichtig.

Der Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen ist unermesslich und in diesem Moment wird man von Trauer überwältigt. Doch auch diese schmerzhafte Trauer wird mit der Zeit weniger, die Seele wird ruhiger und es kommen die Erinnerungen.

Je besser man diesen Menschen gekannt hat, umso besser kennt man seine Geschichten. Wann immer man möchte, kann man das Archiv betreten und im Buch der Lebensgeschichten blättern. Es werden einem Geschichten unterkommen, die man schon fast vergessen hat. Über die eine oder andere Geschichte kann man auch lachen und plötzlich tauchen sogar Bilder vor einem auf. Ach, denkt man sich so einige Male, warum hatten wir uns darüber gestritten, hinterher waren wir uns ja doch wieder einig.

Das Buch dieser Lebensgeschichten ist etwas Besonderes, man kann es überall hin mitnehmen, jederzeit aufschlagen und in Erinnerungen zu versinken. Jeder Mensch liest und sieht diese Lebensgeschichten anders, obwohl es bei den Geschichten um den gleichen Menschen geht.

All diese Lebensgeschichten werden in einem Archiv dauerhaft aufgehoben, dort sind sie vor Zerfall, Naturkatastrophen, Krieg und jede Art von Missbrauch geschützt. Dieses Archiv ist kein Gebäude, es ist nichts was man mit dem Auge sehen kann. Und doch ist es da und für jeden jederzeit betretbar, nicht körperlich, sondern geistig.

Je älter man wird, umso mehr Lebensgeschichten füllen unsere Archive. Heute ist wieder so ein Tag, mein Kopf ist voll mit Erinnerungen. Und so begebe ich mich in mein Archiv und werde wieder einmal versuchen alles zu sortieren, nur nach was soll ich mich orientieren? Nein, es gibt kein System, oft ist es eine Begegnung, ein Wort, ein Bild, ein Lied oder nur eine kleine Geste und schon habe ich die Lebensgeschichten dieses Menschen vor mir.

Es sind einzelne Buchstaben, die zu Worte werden, Worte reihen sich aneinander und werden Sätze, aus diesen Sätzen werden die Lebensgeschichten geschrieben. Ein mir sehr wichtiger Mensch sagte immer wieder einen Satz, aus nur 17 Buchstaben zu mir.

 

Ich hab dich lieber.

 

Wenn ich diesen Satz spreche, habe ich sofort die richtige Lebensgeschichte vor mir. Dieses Buch habe ich auch mit den Worten „Ich hab dich lieber“ beschriftet. Es ist ein spannendes, trauriges, sehr berührendes Buch, dieses lese ich immer und immer wieder. Es beschreibt das Leben einer Frau, die ein großes Herz für ihre Familie hatte. Die viel Leid in ihrem Leben erfahren musste und mit so viel stärke ihre Krankheit erduldete, bis sie daran starb.

Und dann gibt es für mich ein sehr wichtiges Buch, die Seiten sind schon sehr abgegriffen und mit Spuren von Tränen getränkt. Es hat den Titel: „Danke“ wann immer ich in diesen Lebensgeschichten blättere, entdecke ich immer wieder neue Geschichten. Hat mich diese Geschichtenschreiberin, doch fast mein ganzes Leben begleitet.

Auch dieses kleine Büchlein, mit dem zarten Einband und den leeren Seiten berühre ich immer mit sehr viel Liebe. Auch wenn keine Geschichten darinnen stehen, so gehört es zu meinen Lieblingsbüchern. Diese unbeschriebenen Blätter, erzählen mir von einer Geschichte, die es nie gab.

 

Heute greife ich zu einem Buch, dass ich schon fast vergessen hab, es ist sehr verstaubt und es sieht eher unberührt aus. Und doch hat es einen Platz in meinem Archiv. Ich schlage es auf und weiß sofort, warum es solange unberührt geblieben ist. Jedoch hat auch dieses Buch seine Berechtigung und es ist wichtig, es immer wieder einmal durchzulesen. Auch dieses Buch liest sich nach all den Jahren etwas anders, oder kann ich nach so vielen Jahren verzeihen? Ich werde es abstauben und etwas nach vorne rücken, denn auch dieses Buch hat eine Seele und ja, es gehört in mein Archiv. Es bestimmt ja auch meine Lebensgeschichten, denn dieser Mensch, wird immer einen Eintrag in meinem Lebensbuch haben.

Ich liebe mein Archiv und ich werde ein guter Archivar sein, meine Lebensbücher werden gut in mir aufbewahrt und zu gegebener Zeit, werde ich sie weitergeben.

Es sind all die Erinnerungen an unsere Lieben und die werden niemals sterben. Auch wenn sie mit den Jahren etwas verblassen, es genügt nur ein Blick in unser Archiv und wir sehen sie wieder, wie sie lachen, singen und Späße machen. Auch so manche weisen Worte fallen uns wieder ein, die wir früher oft belächelt haben und nun wissen wir: „Ja, es ist wahr“

Zu dieser Geschichte hat mich der Tod eines Mannes inspiriert, den ich persönlich nicht kannte. Und doch empfinde ich für seine Hinterbliebenen eine Trauer, er war doch noch zu jung für den Tod, leider wurde auch er ein Opfer von Corona.

Auch sein Lebensbuch wird in einigen Archiven einen Platz finden und ein jeder, wird eine andere Geschichte über ihn zu erzählen haben.
18.05.1962 – 15.01.2021

 

 

 

Es ist immer der falsche Moment, es ist immer der falsche Tag.

Wann immer ein geliebter Mensch von uns gegangen ist, kommen diese Gedanken. Ich wollte dir doch noch so viel erzählen, hatte noch so viele Fragen an dich. Wollte dich noch um Verzeihung bitten, es dir erklären. Wollte dir heute noch ein kleines Geheimnis anvertrauen.

Und nun stehe ich hier vor deinem Bett und sehe in dein glückliches Gesicht. Versuche darin zu lesen: „Was möchtest du mir noch erzählen?“

Du willst mir sagen: „Komm setz dich zu mir und erzähle mir von dir. Stell mir deine Fragen und lausche in dich hinein, du weißt genau, was ich dir nun sagen würde“

Um Verzeihung brauchst du mich nicht zu bitten, verziehen habe ich dir in diesem Moment als es geschah. Und dein kleines Geheimnis meine Liebe, erahnte ich schon vor einiger Zeit.

Du siehst der Zeitpunkt war schon richtig, es ist alles gesagt und alles getan.

Nun trauere um mich und nimm dir die Zeit, die du brauchst, doch nicht zu lange, den dein Leben geht weiter und mir geht es nun gut. Nun steh auf und geh, was du zurücklässt ist nur mein Lebenskleid. Mich und meine Lebensgeschichten trägst du in dir. Wann immer du willst, kannst du darinnen lesen, eintauchen in unsere Vergangenheit. Du trägst mich mit in deine Zukunft, ich bleib für immer bei dir. Fragen kannst du mir immer stellen und wenn du auf dein Herz hörst, hörst du mich.

Ja sag ich nun zu dir, du hast recht, meine Tränen sind nun versickert, ich weiß aber auch, es kommen noch viele.
Doch nun meine Liebe lasse ich dich los, du hast es dir verdient, in Frieden in die Ewigkeit einzutauchen.

Mit leichten Schritten verlasse ich diesen Raum, zurück bleibt nur dein Lebenskleid. Jedoch dich meine Liebe, spüre ich in mir, mein Herz ist nun dein Zuhause und das ist dir vertraut.

An manchen Tagen, wenn das Herz mir ist zu schwer, dann weiß ich, du drückst dich ganz fest zu mir.

 

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Über die Autorin
Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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