Einfach so – nein, nicht einfach so.
Ich dachte an dich. Und plötzlich standen mir Tränen in den Augen.
Es war kein bewusster Gedanke, kein Entschluss, traurig zu sein. Es geschah einfach. Als hätte etwas in mir eine Tür geöffnet, bevor mein Verstand überhaupt begriff, was geschah.
Es war der Geschmack von Salz, den meine Tränen hinterlassen hatten.
Denn plötzlich war ich wieder im Meer.
Gestern hatte ich dort geschwommen, als eine Welle unerwartet über mich hinwegrollte. Für einen Augenblick verlor ich die Orientierung. Ich wusste nicht mehr genau, wo oben und unten war. Die Welle spielte mit mir, nahm mir den Atem und drückte mich unter ihre Bewegung. Ich schnappte nach Luft. Wasser drang in meine Nase. Und da war dieses Brennen. Dieses Salz.
In diesem Moment war es nicht einfach Meerwasser. Mein Körper verband es unmittelbar mit dem Gedanken ans Ertrinken.
Heute schmeckte ich dasselbe Salz wieder. Nur kam es diesmal nicht aus dem Meer.
Es waren meine Tränen. Und plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz: Tränen. Salz. Meer. Salz. Ertrinken.
So einfach – und gleichzeitig so überwältigend, was steckt da dahinter?
Denn vielleicht war es gar nicht der Geschmack allein, der mich zurück an das Meer brachte. Vielleicht war es dieses Gefühl, das damit verbunden war: die Orientierung zu verlieren, den Halt zu verlieren, für einen Augenblick etwas nicht mehr kontrollieren zu können.
Gestern war es die Welle. Heute war es die Erinnerung an dich.
Du bist seit vielen Jahren nicht mehr hier. Und trotzdem gibt es Momente, in denen die Zeit plötzlich keine Bedeutung mehr zu haben scheint. Ich weiß kann, dass du gegangen bist, und kann dich trotzdem für einen kurzen Augenblick so vermissen, als wäre dein Verlust gerade erst geschehen.
Vielleicht funktioniert Trauer genauso.
Sie verschwindet nicht unbedingt. Sie verändert nur ihre Form. Sie wird stiller, lebt im Hintergrund weiter und wartet manchmal auf einen ganz gewöhnlichen Moment, um wieder spürbar zu werden.
Ein Gedanke. Ein Geruch. Ein Lied. Oder ein bisschen Salz auf der Zunge.
Und dann ist da plötzlich wieder dieses Gefühl. Als würde eine Welle über mich hinwegrollen.
Nur dass ich diesmal nicht im Meer bin.
Ich stehe irgendwo im Hier und Jetzt und weine um einen Menschen, den ich seit vielen Jahren vermisse.
Gestern verlor ich im Meer für einen Moment die Orientierung. Heute verlor ich sie in meiner Erinnerung. Gestern hatte ich Angst, im Wasser unterzugehen. Heute fühlte es sich an, als könnte ich in meiner Sehnsucht untergehen.
Beides kam unerwartet. Beides nahm mir für einen Moment den Atem. Und beides hinterließ Salz.
Vielleicht sind Tränen deshalb manchmal wie ein kleines Meer, das der Körper in uns trägt. Und vielleicht habe ich gestern, als die Welle über mich hinwegrollte, nicht nur das Meer gespürt. Vielleicht hat mein Körper mir unbewusst gezeigt, wie sich dieses alte Gefühl anfühlt:
überwältigt zu sein, die Orientierung zu verlieren und trotzdem darauf zu vertrauen, wieder an die Oberfläche zu kommen.
Denn ich bin wieder aufgetaucht. Gestern aus dem Wasser. Heute aus der Erinnerung.
Aber eines ist geblieben: die Erinnerung an Tränen und das Meer.





