Das Leben der Emilie Klein

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Am Rand eines kleinen Dorfes stand ein freundliches kleines Haus, in dem die Familie Klein lebte: Vater, Mutter und ihre beiden Kinder. Rund um das Haus erstreckte sich ein Garten voller bunter Blumen, die fast das ganze Jahr über blühten. Zwischen den Beeten wuchsen Obstbäume mit süßen Früchten, und in den Gemüsebeeten gedieh alles, was die Familie zum Leben brauchte.

Eines Tages sagte die Mutter zu ihrem Mann,“ Alois wir bekommen wieder ein Kind, ist das nicht wunderschön?“ Alois sah seine Frau zärtlich an, umarmte sie und sagte: „ja Lotti, es ist wunderschöne, ich freu mich sehr. Komm, lass es uns Marianne und Karli sagen.“
As sie am Abend beisammen saßen, sahen Lotti und Alois ihre Kinder fast feierlich an und sagten: „Wir haben euch eine schöne Nachricht zu überbringen.“  Die Kinder wurden neugierig und sprachen wie aus einem Munde: „Ja erzählt schon, was ist es?“ „Ihr bekommt im Frühling ein Geschwisterchen.“ Die Kinder schauten ungläubig auf den Bauch der Mutter und beide standen auf und umarmten ihre Eltern. Aufgeregt fingen sie an zu planen, welches Zimmer es bekam und wo das Bettchen hingestellt wurde. Sie waren so aufgeregt und freuten sich riesig.

Schon bald merkte die Mutter, dass die Schwangerschaft anders war als die beiden davor, sie fühlte bereits zu dem ungeborenen Kind eine besondere Verbindung. Die Leute sagten alle zu ihr: „Lotti, du strahlst wie die Sonne.“ Lachend sagte sie, „es geht mir auch sehr gut und ich kann es kaum erwarten, bis ich das Kind in den Armen halte.“

Die Monate bis zur Geburt vergingen schnell und dann war es endlich so weit. Die Geburt verlief schnell und fast schmerzlos. Am Nachmittag kamen die Kinder, sie staunten über das kleine zarte Mädchen und ein jeder wollte sie halten. „Langsam, langsam“, rief die Mutter lachend, ein jeder darf sie halten, aber vorsichtig.“ Und schnell war sich die ganze Familie einig „Emilie, ja sie ist unsere kleine Emilie.“

Emilie entwickelte sich prächtig, sie weinte nur wenig und meistens lag sie plappernd und mit einem Lächeln in ihrem Bettchen. Sie beobachtete die Menschen sehr aufmerksam, man hatte oft den Eindruck, sie sah mehr als jeder andere sah. Die Mutter beobachtete sie öfter, wenn sie im Garten saß und es war, als würde sie mit jemanden sprechen.
Und kaum konnte sie laufen, ging sie mit ihrem Vater in die Werkstatt, er war Tischler aus Leidenschaft. Er liebte und lebte seinen Beruf, als Emilie schon etwas älter war, sagte er einmal zu ihr: “Emilie, das ist nicht nur ein Stück Holz, alles, was ich daraus mache, hat eine Seele. Denn das Holz hat einmal gelebt, es hat geatmet und hatte eine Seele und in allem, was ich daraus mache, egal ob es ein Sesse, ein Tisch, ein Bett oder nur eine kleine Kugel ist, lebt diese Seele weiter.“ Emilie sah ihren Vater gerne zu, wie liebevoll er das Holz bearbeitete und wie stolz er war, wenn ein Stück wieder fertig war. Einmal beobachtete sie, wie er dem Möbelstück, als er bevor er es dem Kunden gab, zärtlich darüberstrich und etwas flüsterte.

Sie liebte es, wenn ihre Großeltern zu Besuch waren und aus ihrem Leben erzählte, sie konnte nicht genug davon bekommen, sie wollte alles aus ihrem Leben wissen.

Eines Tages fragte die Mutter sie: „Emilie, was möchtest du nach der Schule machen, welcher Beruf würde dir gefallen?“ Sie überlegte nicht lange, denn sie wusste es schon immer, was sie einmal machen möchte. „Mama, ich werde in ein Krankenhaus gehen und den Kindern helfen.“  „Das ist sehr schön, ja, das passt zu dir, Emilie.“ Und schon bald hatte sie eine Stelle im Krankenhaus, sie lernte alles über Medizin und schon bald war sie eine sehr beliebte Ärztin. Sie besaß eine Gabe, die nur wenige Menschen besitzen. Oft sah sie die Kinder nur an oder legte nur ihre Hand auf ihre Köpfe und sie wurden ruhig und hatten keine Angst mehr. Und wenn sie einem Kind nicht helfen konnte, war sie immer sehr traurig, nicht wegen dem Kind, sondern wegen den Angehörigen. Sie wusste dem Kind ging es nun gut, sie war aus ihrem Lebenskleid geschlüpft und ihre Seele wurde bereits erwartet. Diese kleine Seele war nun frei von Schmerz, jetzt konnte sie überall sein, sie wachte nun über all ihren lieben und zu gerne würde sie ihnen sagen: „es gibt keinen Grund traurig zu sein, ich bin ja noch da, auch wenn ihr mich nicht mehr sehen könnt, so bin ich dennoch da. Ihr müsst nur achtsam sein, denn jeden Hauch, den ihr spürt oder wenn ein leiser Wind über euren Gesicht streift, das bin ich “
Und all das würde ich gerne den Hinterbliebenen sagen, doch sie würden es nicht verstehen und das macht mich immer sehr traurig, dachte Emilie.

Als ihre Eltern älter wurden und gebrechlicher, nahm sich Emilie sehr um sie an, sie pflegte sie mit einer Hingabe und nahm ihnen jede Angst vor dem Tod. Sie wusste, was zurückblieb war nur ihr Lebenskleid, sie lebten in einer anderen Welt weiter und Emilie kannte diese Welt. Sie hatte eine Begabung mit der anders Welt in Verbindung zu treten und das hat sie ihren Eltern auch immer gesagt. „Wir werden nie wirklich getrennt sein, unsere Verbindung ist nur eine andere und die besteht immer.“ Das sagte sie ihnen immer und auch ihre Geschwister wollte sie dieses klarmachen. Und so kahm der Tag, an dem die Eltern gemeinsam in die anders Welt gingen, sie hatten keine Angst davor, sie wussten ja, sie sind für immer beisammen. Emilie und ihre Geschwister waren natürlich ein wenig traurig, denn ihre Eltern waren gütige, Liebevolle Eltern und sie konnten mit all ihren Problemen zu ihnen kommen, sie wussten immer einen Ausweg und halfen, wann immer sie konnten. Doch sie wussten auch, sie waren noch immer da, und wenn sie ganz intensiv an sie dachten, konnten sie sie sogar spüren.

Als Emilie älter wurde, wechselte sie von der Kinderstation in ein Seniorenzentrum, es war eine neue Aufgabe für sie, doch sie wusste sie würde den alten Menschen beistehen können, sie verstand was mit ihnen los war.

Emilie dachte oft darüber nach, dass jeder Mensch mit einem Lebenskleid geboren wird. Doch nicht jedem passte dieses Kleid gleich gut.

Manche trugen ein Kleid, das zu schwer war für ihre Schultern. Andere eines, das sie einengte, kratzte oder niemals richtig wärmte. Einige Menschen lebten in einem Kleid voller Schmerz, Enttäuschung oder Einsamkeit. Und obwohl sie versuchten, es tapfer zu tragen, wurden sie mit den Jahren müde davon.

Dann verstand Emilie auch jene, die irgendwann bereit waren, ihr Lebenskleid abzulegen. Nicht, weil sie das Leben nicht liebten, sondern weil ihre Seele sich nach Ruhe sehnte. Für viele war der Tod kein Ende. Er war ein Heimkommen.

Emilie jedoch wusste, dass ihr eigenes Lebenskleid gut zu ihr passte. Es wärmte sie, ohne sie einzuengen, und selbst an schweren Tagen fühlte sie sich darin zuhause. Deshalb trug sie es mit Dankbarkeit und Liebe bis zu jenem Tag, an dem auch sie es eines Tages würde ablegen müssen.

Es war nicht immer einfach und sie brauchte viel kraft, nicht unbedingt körperlich, nein sondern psychisch. Einige der alten Menschen hatten Alzheimer, sie verhielten sich aggressiv, oder waren sehr weinerlich und wieder andere wollten nur weglaufen. Doch hinter all diesen verhalten steckte ein Leben dahinter, ein Leben, das sie ertrugen, weil sie mussten oder nicht anders konnten.
Die, die aggressiv waren, mussten sich ihr ganzes Leben unterordnen und wurden immer schlecht behandelt. Die, die weinerlich waren, hatten viele Verluste und Trauer erfahren. Und die, die immer davonlaufen wollen möchten endlich frei sein, sie möchten ihrer Vergangenheit davonlaufen. Es gibt auch einige, die wollen den Menschen, mit dem sie ihr Leben verbracht haben, nicht mehr sehen, sie wurden zu enttäuscht von diesen Menschen und nun möchten sie ihn nicht mehr sehen.

Und nun, da sie ihren Geist nicht mehr kontrollieren können, nun sehen sie keinen Grund mehr sich zu verstellen. Und Emilie weiß das, sie gibt ihnen recht und spricht nicht dagegen, die Menschen spüren, ja die versteht mich, die weiß, warum ich nun so bin. Und sie werden ruhiger sie fühlen sich verstanden und nicht allein.

Sie spürt auch, wenn ein Mensch aus seinem Lebenskleid schlüpfen möchte, sie setzt sich dann zu dieser Person an das Bett, hält seine Hand und erzählt ihm eine Geschichte. In diesen Moment liegt eine Stille und Zufriedenheit in diesem Zimmer, die ein jeder spürt, der sich darinnen aufhält. Emilie   stellt die Verbindung zwischen dieser und der Anderswelt her, sie öffnet den sterbenden die Tür, damit er leicht durchgehen kann.

Und immer, wenn eine andere Schwester dann das Zimmer betritt, ist sie erstaunt, wieviel Liebe und Zufriedenheit über den Verstorbenen liegt.

Emilie war nie verheiratet und hatte auch keine Kinder, ihr Leben war immer erfüllt von lieben Menschen, sie war nie allein.

Doch das Leben hatte für Emilie vorgesorgt. Die Schwester von Emilie hatte eine Tochter, mit der sie sich vom ersten Moment an seelenverwandt fühlte. Marianne gab ihrer Tochter ebenfalls den Namen Emilie. „Der Name gehört zu ihr“, sagte sie leise, „so wie er einst zu dir gehörte.“

Zwischen Tante und Nichte brauchte es keine vielen Worte. Ein Blick genügte, ein kaum merkliches Lächeln, und beide wussten, was die andere fühlte. Schon früh bemerkte die ältere Emilie, dass das Mädchen mehr sah als andere. Wenn ein Windhauch durch den Garten zog, hielt die Kleine inne und sagte: „Sie sind da, nicht wahr?“ Und Emilie nickte nur. Sie musste nichts erklären. Die Gabe war nicht erlernt – sie war Erinnerung.

Manchmal saßen sie gemeinsam unter dem alten Apfelbaum. Die Welt um sie herum war still, doch zwischen ihnen floss ein Wissen, das älter war als Worte. Die junge Emilie konnte die feinen Übergänge spüren, das sanfte Öffnen jener Tür, durch die eine Seele ihr Lebenskleid ablegte. Und sie hatte keine Angst davor.

Da wusste Emilie, dass ihr Werk nicht mit ihr enden würde. Als sie älter wurde und spürte, dass auch ihr eigenes Lebenskleid eines Tages leichter auf ihren Schultern lag als zuvor, traf sie eine Entscheidung voller Frieden. Sie vermachte ihrer Nichte das Haus. Nicht nur die Erinnerungen, die in den Zimmern wohnten. Sondern den Ort zwischen den Welten.

Sie wusste, dass ihre Nichte die Hüterin dieses Hauses sein würde. Dass hier weiterhin Menschen Trost finden würden. Dass auch künftig jemand an einem Bett sitzen, eine Hand halten und eine Geschichte erzählen würde, wenn eine Seele bereit war zu gehen.

Bis zum Schluss lebte sie in dem Haus ihrer Eltern und dort war sie immer von ihnen umgeben. Emilie erreichte ein hohes alter, sie war immer gesund und hatte ein erfülltes Leben. An dem Tag, als sie ihr Lebenskleid abstreifte, war der Himmel blauer, die Vögel sangen lauter und für einen Moment blieben die Uhren stehen.

Und manchmal, begegne ich einen Menschen und mir ist klar, es gibt immer wieder einen Menschen wie Emilie war.

 

 

Über die Autorin
Bild von Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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