Wenn die Welt kälter wird

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Riki sitzt still am See und sieht gedankenverloren auf die glatte Wasseroberfläche. Ihre Gedanken wandern zu ihrer Mutter, zu all den Jahren, in denen es selbstverständlich für sie war, da zu sein und zu helfen. Für Riki war es nie eine Arbeit oder Belastung gewesen, sie tat es gerne, denn sie liebte ihre Mutter. Und je älter ihre Mutter wurde, umso selbstverständlicher übernahm Riki die Rolle, die früher ihre Mutter für sie hatte.

Wie sehr hat sich die Welt doch verändert, denkt sie. Wie ist es heute?
Die Kinder von heute scheinen keine Zeit mehr zu haben. Immer in Eile, immer im Druck, immer im Stress. „Die Zeiten haben sich geändert“, hat ihr Kind einmal gesagt. „Der Leistungsdruck ist stärker geworden. Und nach der Arbeit bin ich froh, wenn ich abschalten kann.“

Riki lächelt bei der Erinnerung und hat Verständnis für ihr Kind. Sie gehört noch zu einer Generation, die noch beides ist, die fürsorgliche Tochter, die für ihre Mutter da ist, und zugleich die Mutter, die für ihr Kind da ist.

Doch manchmal – so wie heute – sitzt sie am See und denkt an die Zukunft.
Sie spürt, wie sich die Welt wandelt:
Je weniger ein Mensch sagt, umso mehr scheint man von ihm zu erwarten. Je mehr er gibt, umso weniger hat es zu bedeuten. Je tiefer seine Gefühle, desto öfter wird er belächelt – als wären Mitgefühl und Anteilnahme eine Schwäche.

Man erwartet Anwesenheit. Still, ohne Kommentar, ohne Anspruch, ohne Erwartung.
Ein Mensch ohne Herz, ohne Widerstand, das nennt man heute Fortschritt.
Doch dieser Fortschritt ist kühl. Es entsteht ein Menschentyp, der ohne Emotionen, ohne Familie, ohne Fürsorge, ohne Gefühle auskommt. Ohne Trauer, ohne Ärger, jedoch auch ohne Wärme und Liebe. Und er merkt es nicht, weil ihm die Fähigkeit zum Empfinden abhandengekommen ist.

Wie wird es sein, fragt sich Riki, wenn niemand mehr fragt, niemand mehr weint, niemand mehr liebt?

 

Natürlich war auch für sie nicht immer alles leicht. Sie hatte ihren Beruf, sorgte für ein gemütliches Zuhause, hielt vieles von ihrem Mann fern, damit es ihm gut ging. Ging es der Familie gut, ging es auch ihr gut.
Und heute? Heute hört sie oft: „Ihr hattet nicht diesen Stress wie wir. Früher war alles leichter.“
Aber Riki weiß: Nichts war leichter. Auch ihr Tag hatte auch nur vierundzwanzig Stunden. Es war einfach anders, und dafür ist sie dankbar. Sie lebten mit ihren Lieben, nahmen Anteil an ihrem Leben und teilten Zeit, Nähe und Verantwortung.
Heute geht Riki etwas traurig nach Hause und doch ist sie glücklich.
Denn sie fühlt noch: Gefühle, Liebe, Mitgefühl, Verbundenheit.

Und sie weiß, dass darin die wahre Stärke eines Menschen liegt.

 

 

Über die Autorin
Bild von Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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