Betti und der Regenbogen

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Es war einer dieser besonderen Tage, an denen die Sonne den Regen küsste und ein wunderschöner Regenbogen geboren wurde.

Die kleine Betti lag quietschvergnügt auf ihrer weichen, bunten Decke auf der Terrasse. Ihre Mutter saß im Sessel neben ihr und beobachtete zärtlich ihre kleine Tochter. Bei jedem Wetter konnte man auf der Terrasse sitzen; sie schützte vor Regen und Wind. Es bot sich eine wunderschöne Aussicht in den Garten. Für Betti und ihre Mutter wurde diese Terrasse zum Lieblingsplatz.

Nach einem lauen Sommerregen, der von der Sonne begleitet wurde, überspannte ein wunderschöner Regenbogen den Himmel. Voller Faszination betrachtete Betti dieses bunte Wunder. Sie konnte nicht verstehen, was sie da sah. So fing sie voller Freude an zu plappern. Richtige Worte konnte sie noch nicht formen, doch es hörte sich wie eine richtige Unterhaltung an. Die Mutter beobachtete die kleine Betti und hätte zu gern diese Unterhaltung verstanden.

„Worum ging es? Was erzählte sie dem Regenbogen?“

Die Jahre vergingen, und aus der kleinen Betti wurde ein liebes, fröhliches Mädchen. Sie liebte es, wenn es an sonnigen Tagen zu regnen begann. Ganz aufgeregt lief sie dann auf ihre Terrasse und hielt Ausschau nach „ihrem“ Regenbogen. Barfuß lief sie in den Garten und tanzte im Regen, das Gesicht zum Himmel erhoben. Ihre Mutter genoss diese Augenblicke und war jedes Mal aufs Neue fasziniert vom Anblick ihrer Tochter.

„Schau, Betti“, sagte ihre Mutter, „auch wenn der Himmel weint, kann die Sonne scheinen. Auch im Leben ist es manchmal so. Dem Herzen ist zum Weinen, und der Verstand sagt: Lache! Und wie ein Regenbogen in den schönsten Farben erstrahlt, so kann sich durch dein Lachen auch dein Leben zum Besseren wenden.“

An den Wänden in Bettis Zimmer gab es schon bald kein Plätzchen mehr, an dem noch eine Zeichnung eines Regenbogens Platz gefunden hätte. Wer immer ihr Zimmer betrat, spürte sofort die Ruhe und Behaglichkeit, die es ausstrahlte.

Viele Fragen stellte Betti ihrer Mutter. Sie wollte alle Geschichten über den Regenbogen hören und bekam nie genug davon.

Wie viele Farben hat ein Regenbogen? Wo beginnt er, und wo endet er?
Wo ist er, wenn ich ihn nicht mehr sehe, und wie duftet er?
Kann ich ihn berühren und auf ihm tanzen?
Was ist das für ein Licht, das ihn so zum Leuchten bringt?

Fragen über Fragen stellte das Mädchen ihrer Mutter – sie wollte alles wissen. Mit Liebe und Verständnis versuchte die Mutter, all ihre Fragen zu beantworten.

„Für jeden Menschen sieht der Regenbogen anders aus. Es kommt immer darauf an, wo du stehst.

Sieben Farben sind leicht zu erkennen, doch wenn du genau schaust, siehst du sicher mehr.

Du willst wissen, wo er ist, wenn du ihn nicht mehr siehst? Er legt sich über die Menschen und bringt ihnen Glück. Er verleitet Kinder zu träumen.“

„Ja, das ist richtig!“, rief Betti und hüpfte von einem Bein auf das andere. „Ich spüre ihn manchmal ja auch!“

Voller Hingabe und mit offenem Mund hörte Betti ihrer Mutter zu.

„Und wie er duftet, willst du wissen? Das ist nicht schwer, mein liebes Kind. Du brauchst nur deine Augen zu schließen und dir eine Wiese mit Blumen in den Farben des Regenbogens vorzustellen. Atme tief ein. Der Duft wird dich berauschen, und die schönsten Bilder wirst du sehen.

Das Licht, das du siehst, kommt von all unseren Liebsten, die schon im Regenbogen sind. Sie wollen uns zu verstehen geben: Es geht uns gut.

Eines Tages, mein liebes Kind, nach einem glücklichen, langen Leben, wirst auch du mit all deinen Lieben auf dem Regenbogen tanzen.“

Betti wollte noch viele Geschichten hören, doch am liebsten lauschte sie der Sage vom Leprechaun, einem Fabelwesen aus der irischen Mythologie.

Es wird erzählt, dass am Ende des Regenbogens ein Leprechaun viel Gold vergraben hat. Viele haben sich schon auf die Reise gemacht, um diesen Schatz zu finden, doch keiner ist jemals angekommen. Denn je näher man dem Regenbogen kommt, desto weiter rückt er weg oder verblasst.

„Es ist jedoch nur eine Geschichte“, sagte die Mutter. „In Wirklichkeit ist es kein Gold, sondern Glück.

Glück ist kostbarer als Gold. Es kostet nichts – du musst nur ein guter Mensch sein.“

„Ja, auch das ist wahr!“, rief Betti voller Überzeugung. „Denn jedes Mal, wenn ich einen Regenbogen sehe, habe ich Glück!

Letzte Nacht, meine liebe Mama, habe ich sogar bei Vollmond einen Regenbogen gesehen. Er war etwas blasser als am Tag, doch ich habe ihn gesehen. Hat der Mond doch nicht die Stärke der Sonne, so gibt er sein Bestes – und es ist jedes Mal faszinierend und schön.“

Weitere Jahre zogen ins Land, und aus Betti wurde eine glückliche Frau. Sie umgab sich gern mit Menschen und sah in ihnen nur das Gute. Ihre Welt gestaltete sie bunt – wie die Farben des Regenbogens.

Den ersten Kuss bekam sie unter einem Regenbogen, und das Glück war ihr ganz nah. So war es ihr ganzes Leben: Immer, wenn etwas Wunderschönes geschah, stand ein Regenbogen über ihr.

 

Jedes Mal, wenn sich Regen und Sonne vereinten, sah Betti zum Himmel, und oft musste sie lachen. Sie konnte sich diesem Zauber nicht entziehen. Wenn sich ein schöner, bunter Regenbogen über den Horizont spannte, wurde sie wie von einem Magneten angezogen.

Ihr Leben hatte immer etwas Geheimnisvolles.

Manchmal stand sie auf ihrer Terrasse und führte Selbstgespräche. In ihren Träumen sah sie sich als tanzende Elfe, die lachend über einen Regenbogen hinabrutschte. Wenn sie nach einem solchen Traum erwachte, wusste sie nie: „Habe ich geträumt – oder war es wahr?“

Betti weiß es und sie sagt es immer wieder:

Ja meine Mama, wir werden uns wiedersehen und es wird der schönste Regenbogen sein, den es je gegeben hat!

Viele Sprüche hat ihre Mama für sie in ein kleines buntes Büchlein geschrieben und immer, wenn sie einen Regenbogen sieht, liest sie aus diesen Büchlein.

„Einen Regenbogen gebe ich dir zu Abschied  mit und dein Leben soll so bunt und strahlend sein wie er“
„Einen Regenbogen schenke ich dir, er soll dir immer zeigen, wo dein Zuhause ist“
„So bunt, strahlend und sorglos, wie dieser Regenbogen ist, so soll dein Leben sein das mein Kind, wünsche ich dir“
„Nur wenn die Sonne den Regen küsst, wird ein wunderschöner Regenbogen geboren“ „Ist dein Tag einmal grau und trüb, dann male mit bunten Stiften einen Regenbogen  auf ein Fenster und du wirst sehen, er zaubert dir ein Lächeln in dein Gesicht“
Noch oft dachte sie an die Worte und Geschichten ihrer Mutter – und nach all den Jahren erzählte sie dieselben nun auch ihrer eigenen Tochter.

„Am Ende deines Lebens wirst du in deinen Regenbogen eintreten und deine Lieben wiedersehen.“

 

 

 

Über die Autorin
Bild von Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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