Er schwebt schon wieder über mir, ich spüre schon, wie er mich berührt. Ganz langsam schwebt er aus heiterem Himmel über mich.
Zuerst ist es nur ein Hauch, kaum wahrnehmbar, wie ein Schatten, der sich lautlos vor die Sonne schiebt. Ich spüre ihn, noch bevor ich ihn sehe. Eine Kälte legt sich auf meine Haut, ein leichtes Frösteln, das von außen nach innen kriecht. Ganz langsam, aus heiterem Himmel, senkt er sich über mich – der graue Schleier.
Er ist leicht wie Nebel und doch schwer wie Blei. Sanft berührt er mein Gesicht, streift meine Stirn, meine Wangen, legt sich über meine Augen. Und mit ihm kommt diese Schwere. Der Schleier selbst scheint aus zartem Stoff zu sein, doch in seine Fäden sind Kummer, Sorgen, Leid und alter Schmerz eingewebt. Er drückt mir schwer auf die Seele.
Ich bin gefangen in diesem Leid, denke nur an das Schlimme in dieser Zeit. Würde mich gerne in ein Loch verkriechen, bin lustlos, fühle mich einsam, unglücklich und bin so allein.
Ich würde mich am liebsten verkriechen. In ein Loch, tief unter der Erde, wo mich niemand sieht, niemand etwas erwartet. Lustlos schleiche ich durch die Tage, jede Bewegung kostet Kraft. Einsamkeit legt sich um meine Schultern wie ein kalter Mantel. Obwohl Menschen um mich sind, fühle ich mich allein. Unendlich allein.
Der Schleier klebt an mir. Je mehr ich versuche, ihn abzuschütteln, desto fester scheint er sich an mich zu klammern. Er zieht mich nach unten, immer tiefer in dieses dunkle Loch, das sich in mir auftut. Die Gedanken werden schwerer, dunkler. So stehe ich da, mit verschleiertem Blick, und die Welt erscheint grau und trüb. Ich möchte den Schleier gerne abstreifen, doch fehlt mir die Kraft dafür. So viele düstere Gedanken drücken mir aufs Herz, dieses wird so schwer, dass es schmerzt.
Gibt es denn gar nichts, was das Leben erhellt? Bin ich verlassen worden von allem, das ich liebe?
In diesem Moment, da der Schleier mich so schwer zugedeckt hat, denke ich an dich und sehne mich nach dir. Rufen möchte ich:
„Hörst du mich? Ich rufe dich, möchte zu dir – gib mir die Kraft!“ Doch du, du hörst mich nicht. Oder willst du nicht?
Im nächsten Moment, da mich der Schleier schon fast zu Boden gedrückt hat, da ich nichts mehr denke, fühle und nichts mehr spüre, sehe ich ein schwaches Licht in der Ferne. Ich versuche, meinen Blick zu schärfen. Dort vorne sehe ich etwas, doch kann ich es kaum erkennen. Schweren Schrittes gehe ich darauf zu. Eine Tür kann ich erkennen. Ich möchte sie erreichen, doch jeder Schritt fällt mir schwer.
Plötzlich spüre ich: Die Kraft, sie kommt wieder. Ich erhebe mich und gehe zu dieser Tür. Da ist etwas, das mir helfen will. Es reicht mir die Hand, und wir öffnen die Tür. Ein Windstoß hebt mir den grauen Schleier weg. Schon spüre ich, wie mein Herz wieder leicht wird. Ich sehe wieder den blauen Himmel, eine Blumenwiese in voller Pracht.
In der Ferne höre ich Musik und diese lädt mich zum Tanzen ein, federleicht schwebe ich in die Geborgenheit.
Danke dieser stillen Macht, die wieder über mich wachte und mir die Tür zum Leben öffnete.
Ich weiß nun: Der graue Schleier kann zurückkehren. Er wird vielleicht wieder versuchen, sich über mich zu legen. Doch ich habe das Licht gesehen. Ich kenne die Tür.
Und wenn er mich wieder erdrückt, wenn die Welt erneut, grau wird und mein Herz schwer –
dann werde ich nicht nur verzweifelt rufen.
Dann werde ich wissen: Irgendwo ist das Licht. Irgendwo wartet die Tür.
Und ich werde bitten:
„Zeig mir wieder das Licht.“





