Ganz zart und leise entspringt sie, die Quelle des Lebens. Jedoch ist Quelle nicht gleich Quelle, es gibt verschiedene Quellformen. Kommt es doch darauf an, an welchem Ort, auf welchem Boden, in welcher Umgebung sie aus der Erde tritt.
Ist es bei uns Menschen doch genauso: Wir können es nicht beeinflussen, wo, wie und wann wir geboren werden. Doch all diese Zufälle bestimmen unser Leben. Wohin uns unser Weg führt, darauf haben wir Einfluss, doch es kommt darauf an, wie stark unser Wille ist.
Also begleiten wir unsere Quelle bis zu ihrem Ziel, wo alles wieder von Neuem beginnt.
Unsere Quelle entspringt ganz zart, noch fehlt es ihr an Kraft. Es ist ein märchenhafter Ort, sie hatte Glück, an diesem Ort zu entspringen.
Mit jedem Meter, den sie weiterfließt, wird sie kräftiger und stärker. Immer wieder kommen von links und rechts Quellenrinnsale dazu.
Lustig und unbeschwert fließt sie noch langsam über den steinigen, mit Felsbrocken bedeckten Boden. Es ist oft mühselig und manchmal versteckt sie sich auch unter dem Boden.
Lachend kommt sie dann nach einigen Metern wieder hervor, dreht sich ein wenig und hüpft voller Übermut. Im Verlauf ihres Weges werden die kantigen Steine zu runden Kieselsteinen.
Genauso beginnt doch unser Leben: Wir werden geboren, sind noch klein, zart und schwach. Doch im Laufe der Zeit treten immer mehr Menschen in unser Leben. Durch sie werden wir geprägt, sammeln Erfahrungen, und all das macht uns stark.
Genauso gibt es jedoch Quellen, die sind zu schwach. Es kommen keine Rinnsale dazu, sie werden immer schwächer und schließlich versickern sie. Es war der falsche Weg, den sie nahmen. Das ist sehr traurig, doch es war ihnen schon lange vorgegeben.
Genauso ergeht es Menschen, die den falschen Weg gehen oder die falschen Menschen auf ihren Weg mitnehmen.
Doch zurück zu unserer Quelle: Diese hüpft schon munter weiter, hat sehr an Kraft zugenommen. Übersehen kann man sie nun auch nicht mehr, denn sie hat an Breite gewonnen.
Vieles hat sie schon kennengelernt: Blumen, Bäume und Gräser in den schönsten Farben säumen ihre Ufer. Tiere, die sie bisher noch nie sah, kamen nun und stillten ihren Durst bei ihr. Manche sprangen zu ihr und hatten viel Spaß.
Doch noch etwas hat sich getan: Eine Menge Leben wuchs in ihr. Ach, war diese Quelle glücklich. Nun ergab alles einen Sinn. Nur durch sie gab es Leben, und nur das war ihre Aufgabe.
Jedoch ist unsere Quelle schon lange keine Quelle mehr. Aus dem Bächlein wurde bereits ein Bach.
Manchmal verhält sich unser Bach auch sehr wild, schlägt um sich und weiß nicht, was er will. Er möchte manchmal ausbrechen und hat seine Kraft nicht immer unter Kontrolle.
Auch den jungen Menschen geht es oft genauso. Man sagt dann: „Er ist in der Pubertät.“ Doch das vergeht wieder, denn ein jeder muss erst lernen, seinen Körper zu verstehen.
Auch unser Bach, der nun zum Fluss geworden ist, hat diese Erfahrung gemacht. Nun ist er stark und hat sehr viel Kraft.
Voller Stolz wälzt sich nun unser Fluss durch die verschiedenen Länder. Er sieht viel Schönes und auch Schreckliches. Er ist froh, wenn er ein Land, in dem Krieg und Verwüstung herrschen, wieder verlassen kann.
In manchen Ländern wird er so verschmutzt, dass viel von dem Leben, das er mit sich bringt, abstirbt. Ist es dann ein Wunder, wenn er oft wütend wird und alles um sich verwüstet und vernichtet?
Doch es gibt auch Länder, die halten ihn kurz an. Durch Stauwerke kommt er zur Ruhe, wird langsamer und kann sich an der Schönheit und dem Frieden erfreuen. Zum Dank gibt er uns seine Kraft und Energie, um uns das Leben zu erleichtern.
Manchmal stürzt er sich voller Übermut in die Tiefe. Wenn er unten ankommt, fühlt er sich frei und rein. Mit neuer Kraft und Tatendrang fließt er zufrieden weiter.
Auch wir Menschen verändern uns. Aus dem Kind wird ein Jugendlicher, und plötzlich – er weiß oft nicht, wie es geschah – ist er erwachsen. Er hat viel Schönes und Trauriges erlebt, manchmal wurde er verletzt.
Auch er ist oft wütend und böse geworden, fügte anderen Schmerzen zu. Doch all diese Erfahrungen machten ihn stärker, manchmal härter, aber auch verständnisvoller.
Der Lauf unseres Flusses geht nun dem Ende zu. Viele Flüsse vereinigten sich mit ihm. Er hat sehr viel erlebt. Was könnte er uns doch für Geschichten erzählen.
Noch einmal denkt er mit etwas Wehmut an seinen Ursprung zurück. Er denkt an all die Tiere, die er kennenlernen durfte, an die Vielfalt der Tierarten. Es war ein so schönes Erlebnis, und er ist dankbar dafür.
Die unterschiedlichsten Pflanzen durfte er kennenlernen. Er erlebte die schönsten Sonnenaufgänge und die romantischsten Sonnenuntergänge. Lernte die verschiedensten Länder mit ihren Einwohnern kennen und erlebte die unterschiedlichsten Mentalitäten.
Auch Kriege säumten seinen Wasserlauf. Er erlebte die Zerstörung durch menschliche Hand. Doch auch viel Gutes lernte er kennen, und das hielt ihn oft davon ab, aus dem Flussbett zu steigen.
Nun ist es so weit: Er vereinigt sich mit dem Meer. Wie sehr hat er sich darauf gefreut. Oft konnte er nicht schnell genug fließen, um sein Ziel zu erreichen.
Er weiß: Eines Tages beginnt er wieder als zarte Quelle. Denn er wird in den Himmel aufsteigen, als Wolke weiterziehen und als Regen wieder auf die Erde fallen. Wenn sich wieder genug Wasser im Boden gesammelt hat, entspringt er erneut als Quelle.
Auch für den Menschen kommt der Tag, an dem er in das Universum eingeht. Auch er blickt zurück auf sein Leben. Er erlebte viel Schönes und viel Trauriges, lernte viele Menschen kennen und durfte sich verlieben. Viele Geschichten könnte er uns erzählen.
Auch er wird weiterleben in seinen Kindern, denen er das Leben gab.
„Still, kaum wahrnehmbar, entspringt aus der Tiefe der Erde eine Quelle – und mit ihr beginnt alles Leben.“
„Still, kaum wahrnehmbar, entspringt aus der Tiefe der Erde eine Quelle – und mit ihr beginnt alles Leben.“





