Es war ein schöner Frühlingstag, als ich durch den Park spazierte. Dabei fiel mir eine ältere Dame auf, die unter einer schönen Linde saß und still vor sich hinblickte. Bald bemerkte ich, dass sie blind war, und plötzlich stellte sich mir eine Frage: Wie ist ein Leben in ewiger Dunkelheit?
Ich ging auf die Dame zu, stellte mich vor und fragte sie schließlich:
„Darf ich Ihnen eine sehr persönliche Frage stellen?“
Sie wandte mir ihr Gesicht zu und antwortete ruhig:
„Ja, gerne.“
Und so fragte ich die blinde Frau:
„Haben Sie es je bereut, in Dunkelheit gelebt zu haben?“
Ihre Antwort begann nicht mit Worten, sondern mit einem stillen Lächeln – und dann begann sie zu erzählen.
„Als ich jung war, war ich sehr traurig und oft wütend. Ich wollte doch den Himmel sehen, die Farben der Blumen bestaunen können und die Menschen erkennen, wenn sie mir gegenüberstanden.
Einmal sagte ich zu meiner Mutter: Ich möchte eine schöne Frisur haben, mich ein wenig schminken und Kleidung nach meinem Geschmack tragen. Ich möchte, dass mich ein Mann hübsch findet, flüsterte ich leise.
Meine Mutter nahm meine Hände und sprach zärtlich, aber mit fester Stimme:
Mein Schatz, du bist hübsch und deine Ausstrahlung besonders. Andere fallen durch ihre Frisur, ihre Schminke oder ihre Kleidung auf. Dich jedoch wird man wahrnehmen durch das, was du bist und was du kannst. Und der Mann, der dich eines Tages liebt, wird dich als Mensch liebe – nicht nur wegen deines Äußeren.
Sie sagte mir, dass ich mich im Leben mehr anstrengen müsse, dass ich dafür aber lernen würde, das Leben so zu sehen, wie es wirklich ist. Sie schickte mich auf eine gute Schule, und ich bemühte mich, mein Leben selbst zu gestalten und meinen Lebensunterhalt eigenständig zu verdienen.
Ich wählte einen Beruf, in dem ich jungen Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen half, ihr Leben als lebenswert zu erfahren. Und ich habe es geschafft: Selbst im hohen Alter kommen noch immer ehemalige Schülerinnen und Schüler zu mir, um sich zu bedanken.
Oft dachte ich über die Worte meiner Mutter nach – und sie hatte recht behalten.
Je älter ich wurde, desto mehr begann ich, die Welt mit meinem Herzen zu sehen. Ich fühlte, was andere nur betrachteten. Heute weiß ich: Es war ein Geschenk, das mir gegeben wurde.
Ich sah nicht die Falschheit der Menschen, nicht ihre Masken und Verkleidungen, nicht das aufgesetzte Lächeln. Ich fühlte, ob jemand ehrlich zu mir war. Für mich gab es immer nur den Menschen selbst – nicht das, was ihn umgab. Ich lernte Menschen kennen, nicht ihre Fassaden.
In meiner Dunkelheit habe ich mehr gesehen, als manch sehender Mensch je sehen wird.
Ich lebte mein Leben ohne Augenlicht, doch mein Inneres war stets von Liebe und Dankbarkeit erhellt. Ich war gesund, wuchs in einer liebevollen Familie auf und lernte einen Mann kennen, der mich so liebte, wie ich war. Wir bekamen zwei wunderbare Kinder.
Mein Mann und meine Kinder brachten so viel Licht und Liebe in meine Dunkelheit, dass mir nichts fehlte. Ich hatte alles, was ich brauchte – und noch mehr. Trotz meiner Blindheit sah ich alles, was für mein Leben wesentlich war. Mehr brauchte ich nicht.
In meiner Dunkelheit fand ich Klarheit.
In meinem Nicht-Sehen entdeckte ich das Wesentliche.
Und heute weiß ich: Ich habe das Leben nicht mit den Augen betrachtet, sondern mit dem Herzen – und genau darin lag mein größtes Geschenk.“





