Eine Handvoll Steine

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Waltraud war an diesem Morgen schon früh am Strand unterwegs gewesen. Sie wollte die weite, Stille des Meeres noch einmal ganz für sich haben, bevor die ersten Touristen sie übertönten.

Als sie zurückkam, sah ihr Mann sie neugierig an. „Was hältst du da in deiner Hand?“ Waltraud öffnete die Finger und zeigte ihm den kleinen Schatz mit einem leisen Lächeln.

„Oh – eine Handvoll Steine“, meinte er beiläufig. Sie schüttelte sanft den Kopf. „Es ist nicht nur eine Handvoll Steine. Es ist eine Hand voller Erinnerungen.“

In ihrer geöffneten Hand lagen nicht nur Steine, sondern auch kleine Muscheln, feiner Sand, winzige Splitter von Licht und Zeit.

„Wenn ich diese Steine sehe“, sagte sie, „sehe ich viel mehr. Ich sehe unsere Spaziergänge am Meer, die Abende, an denen die Sonne wie ein goldener Ball hinter dem Horizont verschwand. Ich sehe den Blue Moon über dem Wasser, spüre die zarten Wellen an meinen Füßen und höre ihr sanftes Rauschen, das uns begleitet hat. Ich schmecke die Speisen, die nur hier so herrlich schmecken – mit einem kühlen Glas Wein und deinem Lächeln gegenüber.“

Fritz betrachtete die Steine nun länger, als würde sich in ihnen plötzlich ein verborgenes Leuchten zeigen. „Wie recht du hast“, sagte er schließlich. „Je länger ich hineinsehe, desto mehr fällt auch mir wieder ein.“ Sie sahen sich an – wissend, warm, verbunden.

Er zog sie in seine Arme, und gemeinsam blickten sie hinaus auf das offene Meer, eingehüllt in ihren Erinnerungen und dankbar für diese schöne Zeit.

An lauen Sommerabenden saß Fritz gerne auf seiner Terrasse, die Luft roch nach warmem Holz und Meer. Neben ihm stand das eingerahmte Bild von Waltrauts Hand voller Steine – ein stiller Schatz, der mehr sagte als jedes Wort.

Voller Sehnsucht betrachtete er es, erfüllt von Erinnerungen, die wie leise Wellen in ihm aufstiegen. In Gedanken sah er Waltraut vor sich: jung, lebendig, lachend am Strand. Das Schicksal hatte sie ihm viel zu früh genommen, doch in diesen Steinen lebte etwas von ihr weiter.

„Wie recht du damals hattest“, murmelte er in die weiche Sommernacht hinein. „Als du mir erklärt hast, was diese Handvoll Steine wirklich bedeutet, und dafür bin ich dir dankbar.“

Er strich mit den Fingerspitzen über den Rahmen, als könnte er ihre Hand noch einmal berühren. Das Bild hatte im Haus einen besonderen Platz gefunden, und auch die Steine lagen noch immer genau so da, wie Waltraud sie einst neben dem Rahmen abgelegt hatte.

Doch manchmal nahm er es mit hinaus auf die Terrasse. Dann saß er da, mit einem Glas Wein, und versank in Erinnerungen, die ihn nicht traurig machten. In solchen Momenten spürte Fritz, dass Waltraut nicht verschwunden war. Sie war nur leiser geworden. Und ihre Handvoll Steine erzählte ihm jeden Abend aufs Neue, dass Liebe bleibt, selbst wenn die Zeit weitergeht.

Für Fritz war dieser eine Stein mehr als ein Fundstück – er war ein Begleiter, ein Hüter von Erinnerungen, ein kleines Stück Ewigkeit, das Waltraut ihm hinterlassen hatte.

„Du hast es gewusst“, denkt er, während seine Finger über diesen Stein gleiten. „Damals, als du mir erklärt hast, dass eine Handvoll Steine mehr ist als das, was man sieht.“ Er trägt die Stille vieler Sommer, das Flüstern unzähliger Wellen, er hat Stürme erlebt. Er hat Muscheln aufgenommen, Sand gebunden, Licht gespeichert. Es ist eine Zeitreise durch Jahrtausende.

„Er hat gewartet, bis du ihn gefunden hast“.

 

 

Über die Autorin
Bild von Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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