Die Frage nach der Wahrheit

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Vor kurzem hörte ich zufällig eine heftige Auseinandersetzung. Zwei Männer unterhielten sich ziemlich aufgebracht. Ich blieb kurz stehen und horchte, um zu verstehen, worum es ging.

„Du willst mir sagen, das ist die Wahrheit? Was weißt du schon von der Wahrheit!“ zischte der kleinere der beiden Männer und sah seinem Gegenüber wütend in die Augen.

Und so stellte sich mir plötzlich die Frage: Wieviel Wahrheit hält ein Mensch eigentlich aus? Oder, was ist überhaupt die Wahrheit? Ist meine Wahrheit die gleiche wie deine?

Die Antwort lautet: Nein.

Woher wissen wir, wie Schwarz aussieht? Vielleicht ist mein Schwarz dein Weiß. Was ist die Wahrheit? Es weiß doch niemand, was wir wirklich sehen, wie ich es sehe.

Es gibt die objektive Wahrheit, die ohne uns existiert. Dann gibt es die subjektive, die aus unseren Erfahrungen und Gefühlen entsteht. Und schließlich die gemeinsame Wahrheit, auf die wir uns einigen müssen, damit wir überhaupt miteinander leben können. Vielleicht lag ihr Konflikt einfach darin, dass jeder von ihnen eine andere dieser Wahrheiten verteidigte.

Wie viele Wahrheiten gibt es?

Es gibt Dinge, die unabhängig von uns gelten: Wasser kocht bei einer bestimmten Temperatur. Die Erde dreht sich um die Sonne. Wenn ein Glas fällt, zerspringt es. Wenn ich in das Wasser falle, werde ich nass. Diese Ebene nennt man oft objektive Wahrheit.

Dann gibt es Wahrheiten, die durch uns entstehen – wie wir etwas erleben, deuten, erinnern. Das ist subjektive Wahrheit. Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und doch völlig Unterschiedliches „wahr“ finden. Für den einen war ein Gespräch verletzend, für den anderen war es ehrlich gemeint. Beides ist wahr – für die jeweilige Person.

So ist es auch mit der Wahrheit: Wir benutzen dieselben Wörter, aber wir meinen nicht immer dasselbe.

Dann gibt es die gemeinsame Wahrheit, die wir miteinander aushandeln. Sie entsteht im Gespräch, im Zuhören, im Versuch, die Welt des anderen zu verstehen. Das ist die Wahrheit, die Beziehungen trägt.

Kurz gesagt:

  • Objektive Wahrheit: unabhängig von uns
  • Subjektive Wahrheit: geprägt von Wahrnehmung, Erfahrung, Emotion
  • Gemeinsame Wahrheit: das, worauf wir uns einigen, damit wir miteinander leben können

Meine Wahrheit ist also nicht automatisch deine – aber sie ist genauso gültig, genauso real, genauso ernst zu nehmen.

Wie viel Wahrheit ein Mensch aushält, hängt davon ab, wie ehrlich er gerade mit sich selbst sein kann. Wie stabil und gefestigt er gerade ist und ob die Wahrheit ihn stützt oder erschüttert. Ein Mensch hält so viel Wahrheit aus, wie er in diesem Moment verarbeiten kann. Nicht weniger, nicht mehr. Und das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Menschlichkeit.

Manche Wahrheiten tragen wir leicht, weil sie uns bestätigen. Andere treffen uns, weil sie etwas in uns verschieben. Wieder andere brauchen Zeit – manchmal viel Zeit –, bis wir bereit sind, sie zu sehen.

Wahrheit braucht keine Härte, sie braucht Mut. Eine Wahrheit kann verbinden, trennen und auch Frieden bringen.

Vor kurzem fragte mich eine Freundin: „Willst du eigentlich immer die Wahrheit wissen?“ Auch so eine Frage, die ich nicht sofort beantworten konnte. Wieviel Wahrheit möchte, muss oder sollte ich wissen? Wie wichtig ist sie für mich, für meine Zufriedenheit, mein Glück, meine Vorstellungen, meine Zukunft?

In mir begann ein leiser Kampf. Hatte ich Angst – aber wovor? Ist die Wahrheit im Moment für mich wichtig, oder möchte ich sie nicht wissen? Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, oder sage ich mir eines Tages: Hätte ich sie schon früher gewusst, wäre mein Leben anders verlaufen?

Und so beantworte ich für mich die Frage: Die Wahrheit ist nicht immer das, was wir hören wollen. Aber vielleicht genau das, was wir irgendwann brauchen.

 

Über die Autorin
Bild von Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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