Als ich an einem sonnigen Morgen in die Stube kam, erblickte ich eine kleine, zarte Elfe, die am Fenster saß. Ich war entzückt, fasziniert – ich dachte, ich träume noch. Ich wischte mit der Handfläche über meine Augen und blinzelte wieder zum Fenster, doch sie war noch immer da.
„Oh, du siehst mich“, sagte sie mit ihrer feinen Stimme.
„Ja“, flüsterte ich ganz leise. „Wer bist du?“
„Ich bin eine Elfe, eine von vielen, und uns gibt es nicht nur in den Märchen“, antwortete sie ruhig. „Wir wachen über die Natur und sind die Verbindung zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt.“
Ein sanftes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Es gibt viele von uns. Es gibt die Waldelfen, Erdelfen, Lichtelfen, Blumenelfen, Wasserelfen. Ich sagte dir bereits, wir sind viele. Wir bewachen die Natur und beschützen sie.“
„Seid ihr böse?“, fragte ich vorsichtig.
„Nein“, sagte sie. „Elfen sind das Spiegelbild der Welt. Wir sind weder gut noch böse. Wir sind das, was notwendig ist.“
Ich fühlte mich wie in einem Traum. Elfen, die gibt es doch nur im Märchen oder im Traum, dachte ich mir.
„Warum sehe ich dich?“, fragte ich.
Die Elfe kam näher und berührte mich ganz sanft, und im selben Moment spürte ich ein wunderbares Gefühl, das meinen Körper durchströmte. Ein feines Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Manche Dinge erscheinen nur denen, die noch träumen können.“
Ich blinzelte. „Dann träume ich ja doch noch?“
„Nein“, antwortete sie. „Du kannst die Natur spüren, hören und siehst Dinge, die anderen verborgen bleiben. Du gehst achtsam durch die Natur und bist mit ihr verbunden, und wir sind die Natur. Mich wundert es, dass du mich erst jetzt siehst. Ich bin schon seit einiger Zeit bei dir.“
„Ja“, sagte ich leise, „du hast recht. Ich blieb öfter stehen, weil ich dachte, da ist doch etwas. Es war das Rauschen der Blätter oder ein Sonnenstrahl, der durch die Blätter fiel. All das warst du? In Zukunft werde ich mit mehr Bedacht meine Wege gehen.“
Die kleine Elfe lächelte. In ihrem Blick lag etwas Ernstes, fast Weises.
„Wenn du möchtest“, sagte sie leise, „erzähle ich dir von meiner Welt.“
Ich nickte voller Erwartung, und sie begann zu erzählen:
„Wir leben im Verborgenen, dort, wo die Menschen selten hinschauen – in den Schatten der alten Bäume, im Flüstern des Windes, im Funkeln der Tautropfen. Unsere Heimat nennt sich Liora, das Reich zwischen der sichtbaren Menschenwelt und der Anderswelt der Elfen und Märchenwesen. Es ist ein Ort, an dem der Wind eine Melodie trägt und jede Blume ein Geheimnis ist, in dem Tiere sprechen. Wir Elfen wachen über die kleinen Dinge, die die Welt im Gleichgewicht halten: das Lächeln eines Kindes, das Rascheln eines Blattes, den Mut eines Herzens, das nicht aufgibt.“
Ich trat vorsichtig näher. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde ich eine unsichtbare Grenze überschreiten.
„Warum bist du hier?“, fragte ich sie. Sie sah mich mit ernsten, traurigen Augen an.
„In letzter Zeit ist unsere Welt unruhig geworden. Die Menschen haben keine Träume mehr, sie glauben an keine Märchen mehr, und deswegen schwinden auch unsere Kräfte. Die Menschen haben verlernt zu lauschen“, sagte sie leise. „Sie hören das Flüstern des Windes nicht mehr, sie sehen die Farben nicht mehr, sie eilen nur noch.
Deshalb bin ich heute hier. Du hast deine Träume nicht verloren – und das macht mich für dich sichtbar.“
Ihre Worte trafen mich seltsam tief. Ich dachte an die letzten Wochen – an Hektik, an Sorgen, an all die Dinge, die ich „wichtig“ genannt hatte.
Langsam öffnete sie ihre Hände. Darin lag etwas Kleines, Rundes, das wie ein Stern glühte.
„Dies ist mein Geschenk an dich“, sagte sie. „Ein Traumkristall aus Liora. Er bewahrt die Wärme deiner Wünsche und erinnert dich daran, dass selbst in dunklen Zeiten ein Funke genügt, um Licht zu entfachen.“
Als ich den Kristall berührte, fühlte ich ein sanftes Pulsieren, als würde ein Herz darin schlagen.
„Bewahre ihn gut“, flüsterte die Elfe. „Er gehört jetzt zu dir. Und wenn du ihn brauchst, wird er dich an das erinnern, was du längst in dir trägst.“
„Wirst du bleiben?“, fragte ich schnell, von einer plötzlichen Angst ergriffen.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich kann es dir nicht versprechen“, erwiderte sie sanft. „Elfen bleiben nicht. Wir erinnern nur. Du siehst mich nur dann, wenn du wirklich ganz bei dir bist – mit all deinen Sinnen. Du kannst mich jedoch immer spüren“, fuhr sie fort, „wenn eine Gefahr droht, wenn dir alles einmal zu viel wird. Dann bin ich da.“
Langsam erhob sie sich. Ihre Flügel begannen sanft zu schwingen, und ein Hauch von Blütenduft erfüllte den Raum.
„Vergiss nicht“, flüsterte sie, „wer die Natur achtet, wird niemals allein sein.“
Und dann war sie weg – und doch war sie nicht wirklich weg.
Doch manchmal, wenn der Wind durch die Bäume fährt, wenn Wasser im Sonnenlicht glitzert oder wenn ein einzelner Sonnenstrahl mein Gesicht wärmt, weiß ich: Sie ist da. Sie wacht über mich.
Seit diesem Tag gehe ich anders durch den Wald. Langsamer. Wacher. Manchmal bleibe ich stehen – nicht aus Unruhe, sondern aus Aufmerksamkeit. Und wenn die Welt zu laut wird oder mein Herz zu schwer, dann erinnere ich mich an ihr Lächeln.
Vielleicht sehe ich sie wieder. Aber selbst, wenn nicht – ich weiß nun, dass man manches nur erkennt, wenn man ganz bei sich ist.





