Der Löwenzahn, das leuchtende Wunder

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Kaum erwärmt die Sonne den kalten Boden, strecken sich die ersten grünen Blätter des Löwenzahns dem Licht entgegen. Für manche ist er nur ein lästiges Unkraut, das man bekämpfen muss, das immer wiederkehrt, egal, wie oft man ihn aussticht. Fast so, als würde er ein stilles Spiel mit uns treiben, als würde er sagen: Mich muss man lieben, ich bin mehr als nur ein Unkraut.

Und ja, er hat auch recht damit, denn er ist Heilung für Körper, Geist und Seele. Von der tief liegenden Wurzel bis zur leuchtend gelben Blüte schenkt er uns seine Kraft und heilt so manches kleine Leiden. Und so manches Mädchen trägt mit Stolz einen Blütenkranz auf ihrem Kopf.

Doch das schönste Geschenk bereitet er uns, wenn seine gelben Blüten wie ein goldener Teppich die Wiesen überziehen. Dann schenkt er uns selbst an trüben Tagen den Zauber eines Sonnentages.

Wer in das Herz seiner Blätter blickt, entdeckt bald die kleine, geschlossene Knospe — ein winziges Gefäß, das das ganze Leuchten der Welt in sich trägt. Bereits nach wenigen Tagen, fast über Nacht, öffnet sich dieses kleine Wunder.

Mit seinen goldenen Blüten verwandelt er die Wiesen in ein Meer aus kleinen Sonnen. Tausende von Tierchen laben sich am süßen Nektar; es ist ein Summen und ein geschäftiges Treiben, ein Fest der Fülle, ein Geschenk der Natur.

Doch selbst die strahlendste Sonne bleibt nicht ewig. Nach Tagen des Leuchtens zieht sie sich zurück, schließt ihre goldenen Blüten und ruht im Schutz ihrer grünen Kapsel. Dort entsteht das nächste Wunder, denn sie verwandelt sich — langsam, geheimnisvoll — in eine Pusteblume.

Und wenn sie sich wieder öffnet, ist es, als würden unzählige silbrige Vollmonde die Wiesen erhellen. War es vor wenigen Tagen noch eine wunderschöne Sonnenwiese, so ist es nun, als würde ein flauschiger weißer Teppich über der Wiese liegen.

Und immer noch, wenn ich eine Pusteblume sehe, kann ich nicht widerstehen: Ich pflücke mir eine, halte sie in der Hand, atme tief ein und blase sanft hinein. Mit meinem Atem steigen die Schirmchen auf — wie kleine Sterne, die meine Wünsche in den Himmel tragen.

Tausende von Sternen werden in die Welt geweht, sie tanzen und drehen sich lustig im Wind. Und irgendwann, irgendwo finden sie ihren Platz, sinken ganz zart und leise zur Erde, und es beginnt der Kreislauf von Neuem. Selbst in der kleinsten Ritze finden sie Raum, um im nächsten Jahr aufs Neue wie die Sonne zu leuchten, wie der Mond zu schimmern und schließlich als Sterne zu kreisen.

Und die Wiesen werden im nächsten Jahr wieder wie zu einem Meer aus Sonne, Mond und Sternen erwachen.

 

 

Über die Autorin
Bild von Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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