Heute schien mir der richtige Moment gekommen zu sein, das Haus meiner Omi zu betreten. Vor einigen Wochen war sie für immer von uns gegangen. Sie war vorbereitet gewesen, und wir hatten noch die Möglichkeit gehabt, uns zu verabschieden.
Ich blieb noch eine Weile länger bei ihr. Sie nahm meine Hand und sagte leise:
„Valeri, dein Name passt perfekt zu dir. Deine Mutter hat dich nach mir benannt. Sie sagte damals zu mir: Mama, der Name Valeri bedeutet die Starke, die Gesunde, die Kräftige. Und all diese Eigenschaften trägst du in dir. Deshalb wünsche ich mir, dass auch meine Tochter diese Stärke in sich trägt.“
Sie machte eine kurze Pause, sah mich liebevoll an und fuhr fort:
„Du bist stark, kräftig und gesund. Und deshalb möchte ich, dass du bereit bist, in mein Haus zu gehen und es aufzulösen oder was immer du damit vorhast. Du wirst Dinge finden, die für dich vielleicht keinen Wert haben, doch für mich waren sie mein Leben. Du wirst auch sehr persönliche Erinnerungen entdecken, die mir in meinen letzten Jahren Trost geschenkt haben, die mich durch einsame Abende getragen und mich in Zeiten zurückgeführt haben, in denen ich sehr glücklich war.“
Ihre Finger drückten meine Hand sanft.
„Du brauchst keine Angst zu haben, in meinen Sachen zu stöbern. Ich werde bei dir sein, und gemeinsam werden wir in Erinnerungen versinken. Und nun, meine liebe Valeri, ist es Zeit zu gehen. Ich bin müde.“
Ich legte meinen Kopf an ihre Brust, und ein Gefühl von Frieden und inniger Liebe durchströmte mich. An der Tür drehte ich mich noch einmal um. Sie zwinkerte mir zu und schloss dann wieder müde die Augen. Ich verließ den Raum mit gemischten Gefühlen – dankbar, eine so wundervolle Omi gehabt zu haben, und voller Traurigkeit, weil ich wusste, dass es unser letztes Gespräch gewesen war.
Und nun stand ich vor ihrem Haus.
Mit zögernden Händen steckte ich den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür zu einer Welt voller Vertrautheit und Erinnerungen. Der Duft, den ich immer an ihr geliebt habe, empfing mich sofort. Es war, als würde ich ihre Stimme hören: „Hallo, mein Schatz, ich bin im Garten.“
Mit einem wehmütigen Lächeln blieb ich stehen, atmete tief ein und flüsterte: „Omi, du fehlst mir.“
Langsam ging ich in das Zimmer, in dem ihr Schaukelstuhl stand. Dort hatte sie gesessen, mir Geschichten erzählt oder mich als Kind sanft in den Schlaf gewiegt. Zärtlich strich ich über ihren Schreibtisch, an dem sie so oft gesessen und ihre kleinen Geschichten geschrieben hatte. Ich erinnerte mich, wie stolz sie gewesen war, wenn sie sie mir als Erste vorlesen durfte.
Bevor ich mich setzte, machte ich mir eine Tasse Tee. Omi hatte Tee geliebt. Sie sagte immer: „Für jedes Wehwehchen ist ein Kräutlein gewachsen.“
„Nein, Omi“, flüsterte ich leise, „für dieses Wehwehchen ist kein Kräutlein gewachsen.“
Doch als der Duft des Tees meine Sinne erfüllte, musste ich lächeln. Es war, als würde ein Teil von ihr noch immer bei mir sein.
Mit der Tasse in der Hand kehrte ich in ihr Lieblingszimmer zurück und setzte mich an ihren Schreibtisch. Mein Blick fiel auf den Schaukelstuhl. Für einen Moment war es, als würde er sich sanft bewegen. Ich erinnerte mich an ihre Worte: „Ich werde bei dir sein.“
Und ich spürte es. In meinen Gedanken sah ich sie dort sitzen, lächelnd, ruhig, geborgen.
Ich öffnete die erste Lade. Darin lagen zahlreiche Fotografien. Vorsichtig nahm ich eine nach der anderen in die Hand. Und plötzlich war ich wieder ein Kind. Ich saß auf der Schaukel, die Opa am Apfelbaum befestigt hatte. Omi stand hinter mir und schob mich an. Ich hörte mein eigenes Lachen, hörte mich rufen: „Höher, höher!“
„Danke“, flüsterte ich. „Danke für all diese schöne Zeit.“
Als ich die nächste Lade öffnen wollte, bemerkte ich, dass sie verschlossen war. Ich erinnerte mich, dass Omi den Schlüssel immer in dem kleinen Kästchen aufbewahrt hatte. Und tatsächlich – dort lag er noch.
Mit klopfendem Herzen steckte ich den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Lade.
Darin lag nur wenig: ein beschriebenes Notenblatt und ein kleiner, eleganter Flakon. Vorsichtig nahm ich das Fläschchen und öffnete es. Sofort erfüllte ein vertrauter Duft den Raum. Für einen Moment war es, als würde sie direkt neben mir stehen.
Behutsam nahm ich das Notenblatt in die Hand. Oben stand geschrieben:
„Für meine einzige wahre Liebe, die mein Leben unendlich bereichert hat.“
Mit jeder Zeile wurde mir bewusst, wie tief Opa meine Omi geliebt hatte. Es war eine Liebe, wie sie nur wenige Menschen erfahren dürfen. Am Ende stand:
„Bis über den Tod hinaus, in ewiger Liebe. Dein Hans.“
Meine Augen füllten sich mit Tränen. Von diesem Lied hatte sie nie erzählt. Es war ein Teil ihrer Liebe gewesen, der nur ihnen gehört hatte.
Mein Tee war inzwischen kalt geworden, doch ich trank ihn trotzdem. Für heute war es genug. Langsam stand ich auf und ging zur Tür. Noch einmal drehte ich mich um und blickte auf den Schaukelstuhl. Ich lächelte, schickte einen Handkuss in den Raum und flüsterte: „Ich komme wieder.“
Mit einem Herzen voller Erinnerungen, Dankbarkeit und Liebe verließ ich das Haus.
Und ich wusste: Dieses Haus würde für immer ein Teil von mir sein. Und wann immer mich die Sehnsucht heimsuchte, würde ich hierher zurückkehren, eine Tasse Tee trinken und mit meiner Omi in Erinnerungen versinken.





