Es war ganz still. Kein Laut war zu hören, nicht einmal das vertraute Ticken der Uhr. Die Welt um mich herum schien stillzustehen. Langsam wurde es dunkel um mich, ich hatte das Gefühl, mich immer weiter von allem zu entfernen.
Dann hörte ich, das Rauschen meines Blutes, das durch meinen Körper floss, es war wie ein kleines Bächlein das munter durch die Landschaft fließt. Und dann ein Pochen, das immer deutlicher wurde, als wollte es unbedingt meine Aufmerksamkeit, als wollte es mir etwas sagen. Ich wusste zunächst nicht, woher es kam. Ich wurde ganz ruhig und hörte aufmerksam in meinen Körper und dann spürte ich es tief in mir.
„Na endlich“, flüsterte mein Herz. „Endlich hörst du mir zu.
So viele Jahre habe ich für dich geschlagen, dich durch glückliche und schwere Zeiten getragen. Du hast dein ganzes Herz deinen Lieben geschenkt und dabei vergessen, auf dich selbst zu achten. Du hast ihre Sorgen mitgetragen, ihre Wünsche erfüllt und deine eigenen Bedürfnisse immer wieder zurückgestellt.
Ich weiß, dass du aus Liebe gehandelt hast. Doch auch ein Herz, das viel Liebe gibt, braucht Ruhe und Fürsorge. Ich bin müde geworden von all den Sorgen und Anstrengungen, die du mir zugemutet hast.
Bitte, lerne endlich, auch an dich zu denken. Du darfst Nein sagen, Pausen machen und Hilfe annehmen. Du musst nicht immer stark sein und für alle da sein.
In letzter Zeit ist es mir nicht gut gegangen. Die Sorgen wurden schwerer, die Anstrengungen größer und die Wege zu weit. Ich habe versucht, dich durch all das hindurchzutragen, doch du hast meine Zeichen nicht ernst genommen. Selbst als ich stolperte, hast du es ignoriert.
Nimm deine Gesundheit ernst und höre auf die Zeichen deines Körpers, denn wir beide müssen aufeinander achten.
Ich möchte noch so viele schöne Momente mit dir erleben. Ich möchte mit dir die Morgensonne begrüßen, lachen, die Natur genießen und dankbar sein für jeden neuen Tag.
Du hast so vielen Menschen dein Herz geschenkt. Nun ist es an der Zeit, auch dir selbst Liebe zu schenken.
Vergiss nicht: Du hast nur dieses eine Leben und dieses eine Herz.
Tränen liefen mir über die Wangen.
„Ja“, flüsterte ich. „Ich wollte immer für alle da sein. Ich hatte Angst, andere zu enttäuschen, wenn ich einmal an mich denke. Dabei habe ich vergessen, dass auch ich Fürsorge brauche.“
Mein Herz antwortete sanft:
„Du musst dich nicht entschuldigen. Ich kenne dich und weiß, wie viel Liebe in dir steckt. Aber jetzt ist es an der Zeit, dass du diese Liebe auch dir selbst schenkst.
Eine tiefe Stille breitete sich aus. Ich hatte das Gefühl, als würde mein Herz mir eine Wahrheit offenbaren, die ich längst kannte und doch immer wieder vergessen hatte.
Dann wurde seine Stimme noch leiser.
„Ich habe so viele Jahre für dich geschlagen. Jetzt wünsche ich mir, dass du mich nicht nur hörst, wenn es dir schlecht geht. Höre mich auch dann, wenn ich dich daran erinnere, das Leben zu genießen.
Ich lauschte diesen Worten und spürte eine tiefe Verbundenheit mit mir selbst. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl, wirklich bei mir angekommen zu sein.
Dann öffnete ich die Augen.
Es war, als würde ich aus einem intensiven Traum erwachen. Ich brauchte einige Augenblicke, um zu begreifen, wo ich war.
Mein Mann kniete neben mir auf dem Boden und hielt meine Hand. Sein Gesicht war blass, seine Augen voller Angst.
„Du bist wieder da“, sagte er mit brüchiger Stimme. „Ich hatte solche Angst um dich.“
Verwirrt sah ich ihn an. „Was ist geschehen?“, fragte ich schwach.
Er drückte meine Hand.
„Du hattest einen Herzanfall. Der Arzt hat gesagt, dass du dringend auf dich achten musst. Du kannst nicht immer nur für andere da sein und dich selbst vergessen.“
Vorsichtig legte ich meine Hand auf meine Brust. Da war es wieder, dieses leise, vertraute Pochen.
Mein Herz.
„Danke“, flüsterte ich. „Danke, dass du mich daran erinnert hast, wie kostbar unser Leben ist.“
Ich möchte dankbar sein für jeden neuen Morgen, für jede Umarmung und für jeden Augenblick, in dem ich das Leben spüren darf.
Ganz leise wandte ich mich in Gedanken noch einmal an mein Herz.
„Ich habe dich gehört. Und ich werde versuchen, dich nicht wieder zu vergessen.“
Tief in mir glaubte ich, eine Antwort zu spüren. Ein sanftes Pochen. Als wollte mein Herz sagen: „Das ist alles, worum ich dich bitte.“
Manchmal müssen wir ganz still werden, um uns selbst wiederzufinden. Und manchmal ist es unser eigenes Herz, das uns daran erinnert, dass wir nicht nur für andere leben dürfen, sondern auch für uns selbst.





