Eines Morgens blickte Erni aus dem Fenster und dachte: Ja, heute hole ich mein Buch der Geschichten aus dem Schrank.
Langsam schlüpfte sie aus dem Bett, nahm das Buch heraus und setzte sich an ihren Lieblingsplatz in der Küche. Dort stand ein alter Eichentisch, an dem sich das Leben mehrerer Generationen abgespielt hatte. An diesem Tisch wurde gespielt und gesungen. Hier feierte die Familie ihre Feste, führte unzählige Gespräche, löste Probleme und teilte Freuden wie Sorgen.
Behutsam strich sie mit ihren alten Fingern über das von der Zeit gezeichnete Holz. Oft hatten ihre Kinder gesagt: „Mama, gib diesen alten Tisch doch weg. Wir kaufen dir einen neuen.“ Doch ihre Antwort war immer dieselbe: „Nein. Dieser Tisch ist voller Leben. Auf ihm habe ich all meine Geschichten geschrieben.“ Sie legte das Buch vor sich auf den Tisch und lächelte.
Ach du meine Güte, dachte sie. Es ist ja schon randvoll geschrieben. Langsam schlug sie die ersten Seiten auf. Plötzlich schien sich der Raum zu verändern. Es war, als würde alles um sie herum lebendig werden. Bilder tauchten vor ihren Augen auf, längst vergessene Erinnerungen kehrten zurück. Sie hörte Stimmen lachen, weinen und singen.
Mit einem Mal war sie wieder jung, mitten im Leben. Sie plante, organisierte und hielt ihre Familie zusammen. Die Erinnerungen zogen wie ein Film an ihr vorbei. Nicht alles war leicht gewesen, doch das meiste war schön. Und wenn sie noch einmal die Wahl hätte, würde sie ihren Weg genauso wieder gehen.
Viele Augenblicke wären längst verloren gewesen. Doch weil sie sie aufgeschrieben hatte, lebten sie weiter – Seite für Seite. Erni hatte ihr Leben lang geschrieben. Nicht nur ihre eigenen Geschichten, sondern auch die von anderen Menschen. Es waren keine erfundenen Märchen, sondern Geschichten, die das Leben selbst geschrieben hatte – voller Freude und Liebe, voller Schicksalsschläge, Hoffnung, Abschiede und Neuanfänge.
Als sie schließlich den Kopf hob und zur Uhr blickte, musste sie lächeln. „Schon so spät?“, sagte sie leise. „Für heute ist es genug. Morgen lese ich weiter. Zeit habe ich ja genug.“
Sie wollte das Buch gerade schließen, als ihr Blick auf die letzten Seiten fiel. Zu ihrer Überraschung waren noch einige leer. Sie lächelte. „Wie schön“, flüsterte sie. „Mein Buch ist also noch nicht zu Ende geschrieben.“
Behutsam strich sie mit den Fingern über die leeren Seiten. Wer wusste schon, welche Begegnungen, welche kleinen Wunder und welche Geschichten das Leben noch für sie bereithielt? Es gab noch Platz für neue Erinnerungen, für ein Lächeln, für ein Wiedersehen, für Liebe, für Hoffnung – und auch für jene leisen Augenblicke, die das Leben so wertvoll machen. „Diese Seiten möchte ich noch füllen“, sagte sie leise. „Solange ich jeden Morgen aufwache, schreibt das Leben weiter – und ich schreibe mit.“
Dann hielt sie einen Moment inne. Und sie wusste auch: Sollte sie eines Tages nicht mehr weiterschreiben können, würden ihre Worte dennoch bleiben. Vielleicht, so hoffte sie von Herzen, würde dann jemand dieses Buch in die Hand nehmen und genau dort weiterschreiben, wo sie aufgehört hatte. Denn Geschichten gehören niemandem allein. Sie wandern von Herz zu Herz und von Generation zu Generation.
Behutsam schloss sie das Buch, strich noch einmal zärtlich über den Einband und stellte es nicht zurück in den Schrank. Diesmal blieb es auf dem alten Eichentisch liegen – bereit für die nächste Geschichte.
Denn das Leben hört niemals auf, Geschichten zu schreiben.





