Trude ging an diesem Morgen langsam über die taunasse Wiese, als ihr Blick an einer kleinen Holzbank hängen blieb. In dem Moment durchströmte sie ein vertrautes Gefühl – warm und zugleich wehmütig. Es war, als hätte jemand tief in ihrem Inneren eine lange verschlossene Tür geöffnet.
Mit einem Mal war sie nicht mehr die Frau, die langsam über die Wiese ging. Sie war wieder das kleine Mädchen von damals. Sie sah sich selbst neben ihrer Mutter unter einem Apfelbaum sitzen, dicht an sie geschmiegt. Die Stimme der Mutter war ruhig und jede Geschichte faszinierend. Trude erinnerte sich nicht mehr an die Worte, nicht an die Titel der Geschichten – doch sie erinnerte sich an das Gefühl: Geborgenheit, Wärme, Staunen.
Ein Apfel fiel leise ins Gras und holte sie in die Gegenwart zurück. Die Wiese lag still vor ihr, und doch war sie erfüllt von einem unsichtbaren Echo der Vergangenheit. Trude lächelte sanft. Die Geschichten mochte sie vergessen haben, aber das Bild war geblieben – der Apfelbaum, die Holzbank, die Stimme ihrer Mutter.
Seitdem wusste sie: Manche Erinnerungen leben nicht in Worten weiter, sondern in Bildern und Gefühlen. Und jedes Mal, wenn sie am Wegesrand eine Bank unter einem Apfelbaum sieht, begegnet sie für einen kurzen Augenblick wieder dem kleinen Mädchen von damals – und dem Zauber einer Zeit, in der alles einfach schien.





