In der Villa Lebenslust, einem gemütlichen und liebevoll geführten Altersheim auf dem Land, herrschte an diesem Morgen große Aufregung.
Frau Pichler, eine sehr elegante Dame, die ihre Fingernägel stets lackiert hat und immer eine perfekte Frisur hatte, stürmte völlig aufgelöst in den Gemeinschaftsraum.
„Meine Brille ist weg!“, rief sie. „Und ohne Brille bin ich blind wie ein Maulwurf!“
Frau Huber hob den Kopf, legte ihr Strickzeug zur Seite und rief:
„Was? Wer ist verschwunden?“
„Niemand ist verschwunden! Schalten Sie doch Ihr Hörgerät ein!“, rief Herr Mayer.
„Es liegt nicht am Hörgerät“, antwortete Frau Huber genervt. „Meine Batterien sind leer, und ich muss warten, bis meine Tochter neue bringt.“
Herr Mayer, der sich gerne als Sherlock Holmes ausgab, wurde plötzlich sehr wichtig und sagte mit ernster Stimme:
„Keine Sorge, Frau Pichler. Ich übernehme diesen Fall. Schließlich habe ich schon ganz andere Dinge wiedergefunden.“ Er räusperte sich bedeutungsvoll.
„Letztens konnte ich drei Tage lang nur Suppe schlürfen, weil meine Zähne verschwunden waren. Ich dachte schon, Herr Kastner hätte sie mir gestohlen – schließlich waren seine gerade zur Reparatur.“
Frau Schütz fing laut zu lachen an und konnte sich kaum beruhigen.
„Die hat er im Kühlschrank wiedergefunden!“, sagte sie und lachte noch mehr.
„Das ist doch egal“, verteidigte sich Herr Mayer. „Ich habe sie gefunden, und das zählt.“
Frau Pichler verschränkte die Arme.
„Jetzt helft mir bitte, meine Brille zu finden. Oder hat sie mir jemand gestohlen? Immerhin ist das ein sehr elegantes Modell, die hat mir seinerzeit mein Mann geschenkt.“
„Ein elegantes Modell?“, spottete Frau Kaiser. „Es ist ja ein Wunder das sie damit noch etwas sehen, die ist ja von 1989 und bereits eine Antiquität.“
„Jetzt seid doch einmal ruhig“, sagte Herr Mayer und hob die Hand. „Damit ich mit meinen Ermittlungen beginnen kann. Wann und wo haben Sie Ihre Brille zum letzten Mal gesehen?“
Frau Pichler überlegte kurz – dann hellte sich ihr Gesicht auf.
„Ja! Bevor ich aus meinem Zimmer ging, hatte ich sie noch in der Hand.“
„Na also“, sagte Herr Mayer und sah sehr nachdenklich drein. „Dann kann sie nicht weit sein. Kommt, wir gehen in Ihr Zimmer und suchen alles ab.“
Gemeinsam gingen sie den Gang entlang und betraten das Zimmer.
Frau Schütz bückte sich schwerfällig und sah unter das Bett – kam danach aber kaum wieder hoch.
Frau Kaiser öffnete den Kühlschrank und fand dort – außer einer Sektflasche – nichts.
Herr Mayer stand mitten im Zimmer und blickte sich mit ernster Miene um. Gerade wollte er die Bettdecke hochheben, als die Pflegerin Rosi hereinkam.
„Ja, was ist denn hier los?“, fragte sie verwundert.
„Die Brille von Frau Pichler ist verschwunden“, erklärte Herr Mayer dramatisch. „Und ich habe diesen Fall übernommen.“
„Aha“, sagte Rosi ruhig.
Sie ging zu Frau Pichler, griff ihr vorsichtig in die Haare – und hielt plötzlich die vermisste Brille in die Höhe. Alle starrten auf die Brille.
„Wo war sie?“, fragte Frau Pichler empört. Rosi lächelte. „Auf Ihrem Kopf.“
Einen Moment lang herrschte Stille.
Dann brach der ganze Raum in Gelächter aus – sogar Frau Pichler lachte schließlich mit, während sie sich die Brille aufsetzte.
„So“ sagte sie schließlich. „Und jetzt öffnen wir die Sektflasche, die ich im Kühlschrank habe und stoßen auf die wiedergefundene Brille an. Aber sagt bitte niemandem etwas davon!“
„Zu spät“, meinte Herr Mayer. „Ich schreibe gerade einen Bericht für unsere Hauszeitung.“
Frau Pichler setzte ihre Brille zurecht und lächelte.
„Dann hoffe ich“, sagte sie, „dass Sie alles genau aufschreiben – auch, dass jeder von euch hier eigentlich auch eine Brille bräuchte.“
Und so endete der Fall der verschwundenen Brille – mit viel Gelächter, ein bisschen Schalk und der Erkenntnis, dass man manchmal nur auf den eigenen Kopf schauen muss, um zu finden, was man sucht.





