Was für ein außergewöhnlich schöner Tag, dachte sich Irmgard am Abend, als sie zufrieden in ihrem Sessel saß. Und das völlig unerwartet.
Am Nachmittag hatte es plötzlich an der Tür geklingelt. Als sie öffnete, standen dort Trudi und Luise – mit einem strahlenden Lächeln und einem Kuchen in der Hand.
„Hallo, meine Liebe! Wir haben Kuchen mitgebracht – machst du uns dafür eine schöne Tasse Tee?“
Irmgard muss wohl ziemlich überrascht ausgesehen haben, denn Trudi schob gleich hinterher:
„Oder kommen wir ungelegen?“
„Aber nein!“, lachte Irmgard. „Ihr seid doch jederzeit herzlich willkommen – und mit Kuchen erst recht!“
Kaum waren die beiden eingetreten, füllte sich das Haus mit Leben. Mäntel wurden abgelegt, Stimmen wurden lauter, und diese ganz besondere Wärme breitete sich aus, die nur alte Freundschaften mit sich bringen.
„Aber sagt mal“, begann Irmgard neugierig, „was verschafft mir denn heute dieses Vergnügen?“
Luise grinste. „Weißt du wirklich nicht, welches Datum wir haben?“
Irmgard runzelte die Stirn.
„Der 15. Oktober!“, half Trudi nach. „Der Tag, an dem wir uns kennengelernt haben. Und das ist heute – man glaubt es kaum – genau 60 Jahre her!“
Irmgard schlug sich lachend an die Stirn. „Na, wenn das kein Grund zum Feiern ist!“
Zuerst gab es Tee – und natürlich Trudis selbstgebackenen Kuchen, der wie immer hervorragend schmeckte. (Man hätte fast meinen können, sie hätte heimlich eine Konditorlehre gemacht.) Sie plauderten, lachten und verloren sich in Erinnerungen.
„Holt doch mal die Sektgläser“, sagte Irmgard schließlich mit einem Augenzwinkern. „So ein Anlass verlangt nach etwas Spritzigerem.“
„Zum Glück“, meinte Luise trocken, „hat von uns jede immer eine Flasche Sekt im Kühlschrank. Man weiß ja nie, wann das Leben gefeiert werden will.“
Aus einer Flasche wurden zwei – und mit jedem Glas wurden die Geschichten lebendiger. Sie erinnerten sich an ihr erstes Treffen, an ihre Jugend, an all die Jahre dazwischen.
Es war nicht immer alles leicht gewesen. Trudi hatte ein besonders schweres Schicksal getragen – ein Kind zu verlieren, das hinterlässt Spuren, die nie ganz verblassen. Und doch war sie nie allein gewesen.
Denn egal, was das Leben ihnen gebracht hatte – Schönes, Lustiges oder Trauriges – sie hatten sich immer die Hände gereicht.
Natürlich waren sie nicht immer einer Meinung gewesen. Aber das gehörte dazu. Sie kannten sich gut genug, um kleine Meinungsverschiedenheiten mit einem Augenzwinkern zu nehmen. Ehrlich waren sie immer gewesen – und respektvoll sowieso.
Die Zeit verging wie im Flug. Irgendwann fühlten sie sich wieder wie junge Mädchen: ein bisschen übermütig, ein bisschen ausgelassen – und vor allem unendlich dankbar.
Dankbar dafür, einander zu haben.
Als es schließlich Abend wurde und die Gläser leer, saßen sie noch beisammen, jede mit ihren Gedanken, und doch waren sie sich so nah wie eh und je. Sechzig Jahre – das ist mehr als nur Zeit. Das sind unzählige Erinnerungen, geteilte Tränen, gemeinsames Lachen und dieses tiefe Verständnis füreinander, das man nicht erklären muss.
Beim Abschied umarmten sie sich ein wenig länger als sonst. „Auf uns“, sagte Irmgard leise. „Auf uns“, wiederholten Trudi und Luise – und ihre Augen verrieten, dass sie genau wussten, wie wertvoll dieses „uns“ war. „Und auf viele weitere Flaschen Sekt“, ergänzte Luise mit einem hick.
Als die Tür sich schließlich schloss, blieb nicht nur die Stille zurück, sondern auch ein Gefühl von Wärme, das noch lange anhielt.
Und Irmgard dachte, bevor sie das Licht löschte:
Manche Freundschaften sind ein Geschenk fürs Leben – und manchmal sogar darüber hinaus.





