Wie so oft ging ich an diesem milden Tag in den nahegelegenen Park. Ich wollte mir eine Auszeit nehmen, Ruhe finden, die Stille genießen. Meine Bank unter der großen Linde war frei – ich liebe diesen Platz. Wenn ich die Augen schließe, höre ich das sanfte Rauschen der Blätter, und der Duft der Blüten verführt mich zum Träumen. Tief entspannt saß ich dort und dachte: Wie dankbar ich bin, dass es mir so gut geht.
Plötzlich hörte ich, wie sich jemand neben mich setzte. Ich hoffte nur, er wolle kein Gespräch beginnen, und ließ die Augen geschlossen.
„Es gibt nur Schwarz und Weiß. Alles andere ist nur Fantasie“, sagte eine Männerstimme. Sie klang traurig, enttäuscht. Ich öffnete die Augen und sah ihn an – doch sein Blick ging durch mich hindurch.
Ich schwieg einen Moment, dann fragte ich: „Warum sagen Sie das? Sehen Sie sich doch um – der Himmel ist wunderschön blau, die Natur ist bunt.“
Überrascht wandte er den Kopf in meine Richtung. „Für mich ist die Welt nur dunkel“, sagte er leise. „Ich bin blind.“
„Oh… das tut mir leid“, sagte ich leise.
„Haben Sie jemals die Farben der Welt gesehen, oder war Ihre Welt schon immer schwarz?“
Er atmete tief ein. „Hm… wo soll ich beginnen?“ Dann erzählte er:
„Bis zu meinem 16. Lebensjahr sah ich die Welt ganz normal. Doch eines Tages bemerkte ich, wie alles um mich herum zu verblassen begann. Wir suchten die besten Ärzte auf, aber niemand konnte mir helfen. Ein Virus hatte mein Augenlicht zerstört. Ich war verzweifelt, wütend, ungerecht. Gerade hatte ich ein Mädchen kennengelernt, meine erste Liebe. Als sie von meiner Blindheit erfuhr, sagte sie nur: Es tut mir leid, aber die Welt ist so groß, und ich möchte noch so viel erleben. Deine Welt ist mir zu klein.
So stand ich plötzlich in einer dunklen, traurigen Welt. Ich hatte mein Augenlicht verloren – und meine Liebe gleich mit. Für mich und meine Familie begann eine schwere Zeit. Eine völlig neue Welt öffnete sich, eine, in der ich alles neu lernen musste.
Oft stand ich allein in diesem Park. Ich weinte, ich schrie, ich kämpfte gegen die Ungerechtigkeit. Doch irgendwann begegnete ich einem Mädchen, das mich liebte, so wie ich war – mit all meinen Fehlern. Wir heirateten, bekamen zwei wunderbare Kinder. Ja, ich habe großes Glück gehabt. Meine Frau liebt mich, und ich liebe sie. Sie gibt mir Kraft und Halt.
Und wissen Sie… trotz allem bin ich dankbar. Ich kann hören. Ich höre das Lachen meiner Kinder, das Rascheln der Blätter, den Wind, der durch die Bäume streicht.
Ich kann riechen, ich erkenne die Dinge an ihrem Duft. Ich rieche die Angst und die Unsicherheit der Menschen, wenn sie mir gegenüberstehen. Ich kann gehen, ich kann meine Arme ausstrecken, meine Kinder halten, meine Frau umarmen. Ich habe gesunde Beine, gesunde Hände. Das ist nicht selbstverständlich. Und doch gibt es Tage, an denen es mir sehr schlecht geht – wie heute. Tage, an denen die Wut stärker ist als die Dankbarkeit.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Also nahm ich seine Hand und sagte:
„Dann erzähle ich Ihnen, wie ich in diesem Moment diesen Ort sehe.“
Zuerst wirkte er fast spöttisch, und ich dachte, das hätte ich vielleicht lieber nicht sagen sollen.
Nach einigen Minuten sagte er leise: „Ja, bitte. Versuchen Sie, mich in eine Welt der Fantasie zu entführen.“
Also begann ich zu erzählen – von den Bäumen, dem Himmel, der Wiese voller Blumen. Und je mehr ich beschrieb, desto mehr entdeckte ich selbst, was ich bisher nie bewusst wahrgenommen hatte.
Als ich geendet hatte, schwieg er lange. Er saß einfach da und richtete sein Gesicht in den Himmel. Dann sah er zu mir und sagte: „Danke für diese wunderschöne Beschreibung. Sie haben mir heute eine Welt eröffnet, von der ich künftig träumen kann. Danke, dass sie Farbe in mein Leben gebracht haben. Jetzt gehe ich nach Hause zu meiner Frau und erzähle ihr, was ich alles gesehen habe.“
Er stand auf und reichte mir voller Dankbarkeit die Hand. Ich sah ihm nach und hatte das Gefühl, er gehe mit federnden Schritten davon.
Auch ich war erfüllt von Zufriedenheit und Glück. An diesem Tag hatte ich so vieles entdeckt – Dinge, die ich bis dahin nie wirklich gesehen hatte.





