Im Wein liegt die Wahrheit …

Jetzt teilen
Facebook
Twitter
Email
WhatsApp

 

„Im Wein liegt die Wahrheit“ – ein altes Sprichwort, das wohl jeder kennt. Seinen Ursprung hat dieser Gedanke bereits in der Antike. Dem griechischen Dichter Alkaios von Lesbos wird eine frühe Form dieser Vorstellung zugeschrieben.
Später wurde sie durch den lateinischen Ausspruch „In vino veritas, in aqua santitas“ bekannt. Das bedeutet „Im Wein liegt die Warheit, im Wasser die Gesundheit.“

 

Manchmal braucht es nur einen Schluck, um die Welt für einen Augenblick anders zu sehen. Die Gedanken werden leiser, die Sehnsüchte lauter, und hinter der Fassade beginnt die Seele zu sprechen. Die kleinen Probleme des Tages werden größer, sie verändern sich mit jedem Glas. Die Wahrheit scheint in den Vordergrund zu rücken, und die Maske, die wir als Schutz tragen, beginnt mit jedem Schluck ein wenig zu bröckeln.

Doch liegt im Wein wirklich die Wahrheit – oder gibt er uns nur den Mut, auszusprechen, was wir nüchtern tief in uns verbergen?

Vielleicht ist es nicht der Wein, der uns die Masken nimmt. Vielleicht zeigt er uns nur, welche Masken wir tragen – und wie sehr wir uns danach sehnen, sie endlich abzulegen.

Doch wer setzt uns diese Maske eigentlich auf? Sind wir es selbst, aus Angst vor Verletzung, Ablehnung oder davor, nicht gut genug zu sein? Oder sind es die Menschen, die uns so sehen wollen, wie es ihnen gefällt?

Vielleicht beginnt es mit einem Lächeln, das wir zeigen, obwohl uns nicht danach ist. Mit einem Schweigen, obwohl wir so viel zu sagen hätten. Mit einer Stärke, die wir vorspielen, weil niemand sehen soll, wie zerbrechlich wir uns fühlen.

Vielleicht setzen wir uns die Maske irgendwann selbst auf. Doch vielleicht waren es die Erwartungen anderer, die uns gelehrt haben, sie zu tragen. Und irgendwann wissen wir nicht mehr, ob sie uns noch schützt oder ob sie uns längst daran hindert, wir selbst zu sein.

Denn das Traurige ist nicht unbedingt, eine Maske zu tragen. Das Traurigste ist vielleicht, irgendwann zu glauben, dass niemand den Menschen dahinter lieben könnte.

Manchmal braucht unser Gesicht das Licht, um wieder atmen zu können. Um durchzuatmen, loszulassen und endlich der Mensch sein zu dürfen, der sich hinter der Maske versteckt. Vielleicht liegt im Wein nicht die Wahrheit, sondern nur der Mut, auszusprechen, was hinter der Maske steckt.

Denn zwischen Rausch und Wirklichkeit liegt oft nur ein schmaler Grat. Was wir im Wein suchen, ist manchmal nicht das Vergessen, sondern ein Stück Freiheit. Nicht die Flucht vor der Wahrheit, sondern die Begegnung mit uns selbst.

Doch nicht alles, was wir im Rausch aussprechen, ist automatisch wahr. Manches ist ein lang verschwiegenes Gefühl, manches eine flüchtige Sehnsucht und manches nur ein Gedanke, der nüchtern vielleicht ganz anders klingt.

Doch die wichtigste Wahrheit ist jene, vor der wir auch mit dem letzten Tropfen nicht davonlaufen können.

Denn der Wein mag die Zunge lösen und die Maske für einen Moment fallen lassen. Er mag Worte hervorholen, die lange in uns geschwiegen haben. Aber nur wir selbst können entscheiden, ob wir den Mut finden, auch ohne Wein zu unserer Wahrheit zu stehen.

Manchmal schlägt das Herz leicht, manchmal schwer. Manchmal tragen wir Liebe in uns, manchmal Schmerz, manchmal eine Sehnsucht, für die uns selbst die Worte fehlen. Und keine noch so gute Flasche Wein kann uns davon befreien, uns selbst begegnen zu müssen.

Vielleicht liegt die Wahrheit also nicht im Wein. Vielleicht liegt sie in dem, was wir uns endlich zu sagen trauen – und in dem Mut, die Maske auch dann abzulegen, wenn wir wieder vollkommen nüchtern sind.

 

 

Über die Autorin
Bild von Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
Facebook
Twitter
Email
WhatsApp

Schreibe einen Kommentar

Ähnliche Geschichten

Die Trauer hinter der Maske

  Einen geliebten Menschen zu verlieren, bedeutet weit mehr als Abschied zu nehmen. Es bedeutet, einen Teil seines eigenen Lebens zu verlieren. Es bedeutet Schmerz

Ein Brief vom Leben

  Als ich heute Morgen zum Postkasten ging, um nach der Post zu sehen, fiel mein Blick auf ein altes Kuvert. Es war an mich

Allerheiligen

  An Allerheiligen gehen viele Menschen auf den Friedhof, stellen Kerzen auf die Gräber ihrer Lieben und nehmen sich bewusst Zeit für die Erinnerung. Ich

Was der Wind mir zeigen will

  Vielleicht blättert der Wind heute nicht zufällig in meinem Buch. Vielleicht zeigt er mir genau die Seite, die ich jetzt lesen soll. Doch noch

Schreib mir was Nettes

Du hast Fragen oder möchtest mir gerne etwas mitteilen? Feedback, Anregungen?

Willkommen bei den kleinen Geschichten!

Hier findet ihr Texte, Gedichte und kleine Weisheiten aus dem alltäglichen Leben. Geschichten die das Leben schreibt.

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest.

Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken
.

Eure Liselotte