Und plötzlich ist es wieder Mitte Oktober

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Die Blätter lösen sich von den Bäumen und tanzen im Wind zu Boden. Die meisten Blumen haben ihre Blüten längst geschlossen, nur vereinzelt leuchtet noch ein letzter Farbtupfer im Garten. Die Natur wird stiller, zieht sich langsam zurück und erinnert uns daran, dass alles seine Zeit hat.

Und ich frage mich: War es nicht gerade erst gestern, dass ich mit einer Tasse Kaffee auf der Terrasse saß und den Vögeln lauschte, die mir ihr morgendliches Konzert schenkten?

War es nicht erst gestern, dass ich durch den Garten ging, frische Blumen für den Mittagstisch schnitt, Kräuter und Gemüse erntete und mich an diesem kleinen Stück Glück erfreute? Dass wir bis spät in die Nacht draußen saßen, den Blick in den Sternenhimmel gerichtet, und die Zeit für einen Moment keine Rolle zu spielen schien?

Es fühlt sich an, als wäre all das gerade erst gewesen. Und doch ist der Sommer vorbei.

Wie kann es sein, dass die Tage, auf die wir uns so lange freuen, plötzlich schon wieder hinter uns liegen? Dass aus einem Augenblick eine Erinnerung wird, ehe wir überhaupt begriffen haben, wie kostbar er war?

Vielleicht liegt es daran, dass wir so oft im Morgen leben, während das Heute still und leise an uns vorbeizieht.

Wir planen, wir erledigen, wir funktionieren. Wir freuen uns auf das Wochenende, auf den Urlaub. Und während wir darauf warten, dass etwas Schönes geschieht, übersehen wir manchmal, dass das Schöne längst da ist.

Der erste Kaffee am Morgen. Die Sonne auf der Haut. Das Lachen eines Menschen, den wir lieben. Frische Blumen auf dem Tisch. Ein Vogel, der uns mit seinem Gesang begrüßt. Ein Abend, an dem wir einfach nur dasitzen und in den Himmel schauen.

Wie oft nehmen wir all das als selbstverständlich hin, weil es gestern schon da war und morgen vermutlich auch noch da sein wird?

Dabei ist nichts davon selbstverständlich. Nicht der nächste Sommer. Nicht die Gesundheit. Nicht die Menschen, die uns begleiten. Nicht einmal der nächste Morgen.

Und genau deshalb sollten wir dankbarer sein. Nicht erst dann, wenn etwas fehlt. Nicht erst dann, wenn wir zurückblicken und erkennen, wie schön es eigentlich war. Sondern genau in dem Moment, in dem wir es erleben.

Wir sollten öfter innehalten. Nicht, um die Zeit anzuhalten, sondern um endlich wahrzunehmen, was sie uns gerade schenkt.

Aber können wir das überhaupt?

Können wir den Augenblick wirklich festhalten, wenn die Zeit doch unaufhaltsam weitergeht? Können wir langsamer leben, obwohl die Tage im immer gleichen Rhythmus vergehen, die Sekunden gleichmäßig verstreichen und die Jahreszeiten ihren Lauf nehmen, ganz gleich, ob wir bereit dafür sind oder nicht?

Vielleicht können wir die Zeit nicht verlangsamen. Vielleicht können wir keinen einzigen Augenblick festhalten, so sehr wir es uns manchmal wünschen. Aber vielleicht liegt genau darin die Antwort.

Denn nicht die Zeit muss langsamer werden. Wir müssen lernen, wieder bewusster in ihr zu leben.

Wir können einen Moment länger sitzen bleiben. Den Kaffee nicht nebenbei trinken, sondern ihn wirklich genießen. Dem Vogel zuhören, statt ihn nur wahrzunehmen. Die Hand eines geliebten Menschen ein wenig länger halten. Den Sonnenuntergang betrachten, ohne schon an den nächsten Tag zu denken.

Wir können nicht verhindern, dass aus Gegenwart Vergangenheit wird. Aber wir können dafür sorgen, dass wir in unserer Gegenwart wirklich anwesend sind.

Vielleicht ist das die eigentliche Kunst des Lebens: nicht möglichst viele Tage zu sammeln, sondern den Tagen, die wir haben, mehr Leben zu schenken.

Und so stehe ich nun Mitte Oktober da, sehe die Blätter fallen und denke an den Sommer zurück. Mit ein wenig Wehmut, aber vor allem mit Dankbarkeit. Denn ich durfte all diese kleinen, wunderbaren Momente erleben. Ich durfte sie sehen, hören, riechen und fühlen.

Und während ich dem Sommer nachtrauere, merke ich, dass auch der Herbst seine stillen Geschenke bereithält. Das Rascheln des Laubes, das warme Licht der tief stehenden Sonne, die gemütlichen Stunden bei einer Tasse Tee und das Wissen, dass nach jedem Loslassen auch wieder etwas Neues entstehen darf.

Vielleicht sollten wir aufhören, ständig der vergangenen Zeit hinterherzusehen oder auf die kommende zu warten. Vielleicht sollten wir uns öfter fragen: Was schenkt mir das Leben gerade jetzt?

Denn, ehe wir uns versehen, ist aus dem Herbst der Winter geworden, aus dem Winter der Frühling und aus dem Frühling wieder ein Sommer. Und irgendwann sitzen wir da, blicken zurück und fragen uns, wo all die Zeit geblieben ist.

War es nicht gerade erst gestern?

Ja, vielleicht fühlt es sich so an.

Doch das Leben geschieht nicht gestern und auch nicht morgen. Es geschieht genau hier. Genau jetzt.

Und vielleicht ist dieses kleine Wort – jetzt – das kostbarste, das wir viel zu selten wirklich begreifen.

Denn die Zeit wird weitergehen. Immer im gleichen Rhythmus. Unaufhaltsam, gleichgültig und doch voller Möglichkeiten.

Die Frage ist nicht, ob wir sie anhalten können.

Die Frage ist, ob wir irgendwann lernen, sie bewusst zu erleben, solange sie uns gehört.

Denn am Ende sind es nicht die Tage, die uns fehlen. Es sind die Augenblicke, in denen wir nicht wirklich da waren.

Also lasst uns dankbar sein. Für das Große und für das Kleine. Für das, was bleibt, und für das, was nur kurz bei uns verweilt.

Lasst uns öfter innehalten, tief durchatmen und das Leben nicht nur an uns vorbeiziehen lassen.

Denn plötzlich ist es Mitte Oktober.

Und während wir uns fragen, wo der Sommer geblieben ist, schenkt uns das Leben bereits einen neuen Augenblick.

Vielleicht sollten wir ihn einfach leben. Ganz bewusst. Ganz intensiv. Und vor allem: mit einem dankbaren Herzen.

 

 

Über die Autorin
Bild von Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
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