Ich hatte noch ein wenig Zeit bis zu meinem nächsten Termin. Und so ging ich in den nahegelegenen Stadtpark und wollte auf einer Bank noch meine Unterlagen durchsehen. Doch meine Gedanken waren bereits schon beim Meeting.
Dann fiel mir eine Frau auf. Sie saß ein paar Schritte entfernt, ganz ruhig, als hätte sie nichts vor und alles gefunden. Diese Art von Zufriedenheit, die man nicht plant und nicht spielt – sie ist einfach da.
Ohne genau zu wissen warum, fragte ich sie, ob ich mich zu ihr setzen dürfe. Sie lächelte, ein ehrliches, offenes Lächeln, deutete mit der Hand auf den Platz neben sich und sagte:
„Sehr gerne.“
Wir saßen einen Moment schweigend nebeneinander. Dann spürte ich ihren Blick, vorsichtig, fast mitfühlend. „Machen Sie eine Pause?“, fragte sie leise.
Ich lächelte müde und antwortete, ja, ein bisschen – aber gleich muss ich wieder zurück in die Firma.
Sie nickte langsam. „Ja“, sagte sie nachdenklich, „ich war früher auch so.“
Und dann begann sie zu erzählen.
Bis vor einem Jahr hatte sie einen sehr anstrengenden Job. Einen, der ihr alles abverlangte – Zeit, Kraft, Gedanken. Einen, der keinen Raum ließ für Nähe, für Familie, für echtes Innehalten. Auch in ihrer freien Zeit war sie nie wirklich frei. Sie war da für andere. Sie hörte zu, tröstete, half. Noch bevor jemand fragte, bot sie ihre Unterstützung an. „Ich habe anderen Wärme geschenkt“, sagte sie, „während ich selbst längst fror.“ Und eines Tages brach alles zusammen, nicht laut, sondern ganz leise. Sie fühlte sich plötzlich einsam, hilflos, verloren. Niemand war da. Nicht so, wie sie es gebraucht hätte. Und in dieser Leere lief ihr Leben wie ein Film vor ihren Augen ab. „Und da“, sagte sie leise, „habe ich etwas gesehen, das ich all die Jahre übersehen hatte: mich.“
Sie hatte vergessen, sich selbst zu fragen, wie es ihr geht. Vergessen, was ihr Herz braucht. Sie gab Kraft, obwohl ihre eigene längst bröckelte. Und sie wunderte sich, warum sie so müde war, so leer, so fern von sich selbst.
Dann kam diese Stimme. Zart. Beharrlich. Ehrlich. Wann bist du eigentlich für dich da?
„Und wissen Sie“, sagte sie und sah mich an, „zum ersten Mal habe ich nicht ausgewichen.“ Ihre Antwort war einfach gewesen. Und wahr.
Heute.
Heute schaltete sie ihr Handy aus. Heute ist sie für niemanden erreichbar. Sie stand auf, wenn es sich gut anfühlt, und kocht nur, wenn sie Lust dazu hat. Und sie fragte sich: Was wollte ich schon so lange tun – nur für mich?
„Ich bin weiterhin für andere da“, sagte sie ruhig. „Aber ich gehe nicht mehr über mich hinweg, um niemanden zu enttäuschen.“ Sie schwieg einen Moment. Dann sagte sie: „Ich war kurz davor, mich selbst zu verlieren. Doch meine Seele hat im richtigen Moment gerufen:
Hallo… und wo bist du?“
Als sie aufstand, sah sie mich noch einmal an. Ihr Blick war warm, klar und voller Erfahrung. „Vergessen Sie sich nicht“, sagte sie. „Denn irgendwann, sind sie ausgelaugt und allein.“ Dann ging sie langsam davon.
Ich blieb noch eine Weile sitzen – ohne einen Blick in meine Unterlagen geworfen zu haben, ohne Eile.
Und zum ersten Mal stellte ich mir diese Frage. Wann bin ich für mich da?





