Ein Stück Schokolade und die Erinnerungen an frühere Zeiten

Jetzt teilen
Facebook
Twitter
Email
WhatsApp

 

Was für ein schöner Tag, ich werde mich auf die Gartenbank setzen und den Schatten des Apfelbaumes genießen, dachte ich mir, und ging in den Garten. Doch kaum hatte ich es mir gemütlich gemacht, als sich kleine Schritte näherten.
Es war Kathi, meine kleine Urenkelin. Sie kam ganz aufgeregt zu mir und setzte sich neben mich auf die Bank.
„Urli, möchtest du ein Stück Schokolade?“ fragte sie mich.
„Ja, gerne“, sagte ich, und steckte mir ein Stückchen in den Mund. Ich ließ es mit Genuss auf meiner Zunge zergehen. Ich hatte meine Augen geschlossen und genoss die Schokolade, als wäre sie etwas Kostbares.
Ich sagte zu meiner Urenkelin: „Kathi, ich erzähle dir eine Geschichte aus meiner Kindheit.“

Kathi saß neben mir, mit schokoladenverschmiertem Mund, und freute sich schon auf meine Geschichte. Sie blickte mich eigenartig an, und ich konnte in ihren Augen lesen, was sie dachte: Was, Urli war auch einmal ein Kind? Ich fand es lustig, schloss meine Augen wieder und genoss den Geschmack der Schokolade.

„Als ich so in deinem Alter war“, begann ich mit meiner Geschichte, und sah Kathi an. Sie war so süß, mit ihrem schokoladenverschmierten Mund und den neugierigen Augen.

Als ich noch ein kleines Kind war, bekam ich Schokolade nur sehr selten – wenn Besuch kam, zu Weihnachten oder weil meine Mutter mir eine Freude machen wollte.
Ich habe sie auch einmal beobachtet, wo sie die Schokolade versteckt hatte. Weit oben im Schrank, zwischen der guten Wäsche, war eine kleine Schachtel, und dort hatte sie sie aufbewahrt. So manches Mal wollte ich mir ein Stückchen nehmen, doch ich war noch zu klein, um an die Schachtel zu gelangen – und ich wagte es auch nicht, denn meine Mutter wäre wohl sehr traurig gewesen, und ich hätte vielleicht nie wieder Schokolade bekommen.

Ich bekam jedoch nie eine ganze Tafel, nein, meine Mutter brach ein Stückchen ab und gab es mir, fast feierlich, in die Hand. Ach, wie war das wunderbar! Ich ließ es langsam und mit geschlossenen Augen auf meiner Zunge zergehen. Hinterher roch ich noch an meinen Fingern; der Geruch war so fein wie der Geschmack.

Meine Mutter stand glücklich neben mir und lächelte. Es bereitete auch ihre Freude, wenn sie mir zusah, mit wie viel Genuss ich das Stückchen Schokolade in den Mund steckte. Gerne hätte sie mir öfter so eine Köstlichkeit gegeben, doch Schokolade war teuer – es war für uns ein Luxus.

Ich öffnete die Augen wieder und sah Kathi an. Sie hatte ganz still zugehört, ungewöhnlich für so ein kleines Mädchen. Die Schokolade in ihrer Hand war schon geschmolzen, und ich hatte das Gefühl, als hätte auch sie begriffen, dass es etwas Besonderes war.
„Urli“, sagte sie leise, „ich esse meine jetzt auch ganz langsam.“

Ich musste lächeln und drückte sie an mich. Unter dem Apfelbaum war es still, nur das leise Summen der Bienen und das Rascheln der Blätter war zu hören.

Da wurde mir klar, dass sich manches im Leben nie wirklich ändert. Zeiten ändern sich, Menschen kommen und gehen, doch manche Gefühle bleiben. Die Freude über ein kleines Stück Schokolade. Das Glück, einen Moment zu teilen. Die Erinnerung an eine Mutter, die mit Liebe gibt, auch wenn sie selbst wenig hat.

Kathi rückte ganz nahe zu mir, und für einen Augenblick war es, als säße meine Mutter wieder neben mir. Nicht sichtbar, aber spürbar – im Duft der Schokolade, im Schatten des Apfelbaums, im Lächeln des Kindes.

Und ich dachte mir: Vielleicht ist das das Geheimnis des Glücks. Nicht viel zu besitzen, sondern das Kleine zu schätzen. Ein Stückchen Schokolade. Ein Sommertag im Garten. Und die Liebe, die von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Und noch heute, wenn ich eine Schokolade esse, denke ich an früher und dieses Gefühl, etwas sehr Kostbares in Händen zu halten – an den Geschmack, den Duft und an meine Mutter.
Ein kleines Stückchen Schokolade und so eine schöne Erinnerung, geteilt mit meiner kleinen Enkelin. Ja, auch das ist ein Geschenk. Und ich weiß, jedes Mal, wenn sie ein Stück Schokolade bekommt, wird sie an die Geschichte ihrer Urli zurückdenken.

Als die Mutter von Kathi rief: „Ja, wo bleibt ihr denn? Das Abendmahl ist fertig!“, nahm ich ihre kleine Hand in meine, und so gingen wir, im Gedanken glücklich, zurück in das Haus.

 

 

 

 

 

Über die Autorin
Bild von Liselotte

Liselotte

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest. Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken.
Facebook
Twitter
Email
WhatsApp

Schreibe einen Kommentar

Ähnliche Geschichten

Stille Umarmung

An diesem Morgen erreichte mich eine traurige Nachricht, die mich sehr bewegt hat. In Gedanken war ich sofort bei meiner Freundin und wünschte mir nichts

Zwischen Abschied und Ankunft

Am Ende unseres Lebens gehen wir alle diesen Weg. Ob alt oder jung, ob krank oder scheinbar gesund – aus den unterschiedlichsten Gründen führt er

Der Mut, ich selbst zu sein

Wer bist du? Was bist du? Welche Maske trägst du heute? Oder wer gibst du vor zu sein? In deiner rechten Hand hältst du das

Einfach, ist doch ganz einfach

  „Es ist doch ganz einfach, es ist ganz leicht“, sagen wir oft. Doch einfach ist relativ. Was für mich ein paar Schritte sind, kann

Wenn Kälte wärmt

  Ein Tag, eisig kalt und klar, die Sonne scheint, als wollte sie mich trösten. Und ja, diese kalte Schönheit erwärmt mein Herz. Es ist

Schreib mir was Nettes

Du hast Fragen oder möchtest mir gerne etwas mitteilen? Feedback, Anregungen?

Willkommen bei den kleinen Geschichten!

Hier findet ihr Texte, Gedichte und kleine Weisheiten aus dem alltäglichen Leben. Geschichten die das Leben schreibt.

Seit vielen Jahren schreibe ich leidenschaftlich gerne und halte meine Gedanken, inspiriert durch Schicksale, Lebensveränderungen oder Erlebnisse auf Papier fest.

Manchmal lustig, manchmal traurig, aber immer ein wenig zum Nachdenken
.

Eure Liselotte